Verhandlungen um tödlichen Verkehrsunfall 2020 in Salzwedel

Angeklagter Lkw-Fahrer zu 2700 Euro Geldstrafe verurteilt

Kreuzung Braunschweiger Straße und Am Marschfeld in Salzwedel
+
Kreuzung Braunschweiger Straße und Am Marschfeld in Salzwedel: Im vergangenen Jahr wurde dort eine Fahrradfahrerin von einem Sattelzug überrollt. Der Lkw-Fahrer wurde gestern im Salzwedeler Amtsgericht verurteilt.
  • vonLydia Zahn
    schließen

Aktualisiert:

Salzwedel - Der 63-jährige Mann hatte die in der Folge tödlich verunglückte Fahrradfahrerin im April 2020 nicht gesehen, hätte es aber müssen. Der Vorsitzende kam im nun gefällten Urteil beiden Seiten entgegen und verhängte eine Geldstrafe von 2700 Euro.

Rückblick: Anfang April vergangenen Jahres war eine 65-jährige Fahrradfahrerin durch einen Lkw überrollt worden und ums Leben gekommen. Am Dienstag musste sich der Berufskraftfahrer im Gericht zu dem Vorfall verantworten. Er war sich sicher, er hatte keine Radfahrerin gesehen. Der beauftragte Sachverständige war anderer Meinung. Durch Berechnungen und die Analyse der damals gegeben Umstände war er sich sicher, der Angeklagte hätte die 65-Jährige im Rampenspiegel des Fahrzeuges sehen müssen.

Der Meinung war auch der Staatsanwalt, wie er gestern erklärte. „Ein Menschenleben wurde vernichtet“, begann er sein Plädoyer. Weiter: „Sie sagen, Sie haben niemanden gesehen und ich glaube Ihnen das. Aber Sie sind Profi.“ Und verdeutlichte, dass der Angeklagte seit 20 Jahren als Berufskraftfahrer arbeitet und den Unfall hätte verhindern können. „Sie hätten anhalten können, Sie hätten warten können, Sie hätten warten müssen“, schloss der Staatsanwalt und forderte eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 40 Euro. Der Anwalt des 63-Jährigen hielt mit 60 Tagessätzen á 30 Euro dagegen.

„Im Ergebnis haben wir ein Verschulden, ein Fehlverhalten, das einzig dem Lkw-Fahrer anzulasten ist“, erklärte Richter Hüttermann. Er wählte die Mitte der geforderten Strafen und beschloss eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 30 Euro. Es könne es nicht ungeschehen machen, aber: „Es ist ein Abschluss.“

Der vorangegangene Artikel zum Prozessauftakt am Dienstag:

Ein Lkw-Fahrer wollte gegen 17.30 Uhr von der Straße „Am Marschfeld“ auf die Braunschweiger Straße stadtauswärts abbiegen. Die 65-jährige Radfahrerin hatte ebenfalls an der Einmündung gewartet, um auf die Braunschweiger Straße zu fahren. Der Lkw-Fahrer habe sie aber nicht gesehen, erfasst und überfahren. Die Radfahrerin verstarb noch am Unfallort. Die Braunschweiger Straße wurde in der Folge für drei Stunden von der Polizei vollgesperrt.

Der 63-jährige Angeklagte versicherte im Gerichtssaal, dass er an diesem Tag, als er mit dem Sattelzug unterwegs gewesen war, keine Fahrradfahrerin gesehen habe: „Es tut mir ja leid, was da passiert ist, aber ich habe keinen gesehen.“ Er war sich sicher, dass die Radfahrerin noch nicht an der Kreuzung gestanden habe, als er auf diese zu fuhr. Nachdem der Angeklagte den Verkehr auf der Braunschweiger Straße durchgelassen hatte, kontrollierte er die Spiegel. Doch die Sonne habe zu stark geblendet, wodurch die Sicht beeinträchtigt worden war. Als der 63-Jährige langsam anfuhr und auf die Gegenfahrbahn ausscherte, um um die Kurve zu kommen, habe er ein Rappeln gehört. „Als ich dann ausgestiegen bin, hab ich die Bescherung gesehen“, berichtet der Beschuldigte. Wie der eingesetzte Sachverständige jedoch erklärte, hätte der Lkw-Fahrer durch den Rampenspiegel die Frau sehen müssen. Da dieser nach unten ausgerichtet ist, habe die Sonne keine Chance, die Sicht zu behindern. Durch die Zeugenaussagen unterstützt, war auch klar, dass sie direkt neben dem Fahrerhaus des Fahrzeugs gestanden hatte. Weshalb die Salzwedelerin im Spiegel hätte zu sehen sein müssen, war sich der Sachverständige sicher.

„Ich habe mir schon so den Kopf zerbrochen, wie das passiert sein könne. Ich hatte zu kämpfen und konnte die ersten Nächte nicht schlafen“, gestand der Angeklagte dem Vorsitzenden und dem Staatsanwalt. „Ich fahre an diese Kreuzung generell langsam heran, weil es da so gefährlich ist“, führte er weiter aus. Und: „Ich bin seit 20 Jahren Berufskraftfahrer – unfallfrei.“ Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass die 65-Jährige bei dem Unfall zu Tode gekommen war. Zwei Spaziergänger, die damals den Vorfall beobachtet und nun im Gericht ausgesagt hatten, erzählten, dass die Dame an der Kreuzung gestanden und sich der Lkw anschließend daneben gestellt hatte. Ob die Radfahrerin losgefahren war oder im Stehen von dem Sattelzug erfasst wurden, konnten beide jedoch nicht mehr sagen. Die 24-jährige Zeugin war anschließend direkt zur verletzten Frau gerannt, um Erste Hilfe zu leisten. Sie hatte versucht die 65-Jährige, die nicht ansprechbar war, in die stabile Seitenlage zu bringen, während ihr Partner den Notruf wählte. Vor allem der Anblick der Verletzten sei der Zeugin nicht aus dem Kopf gegangen. Fragen, wo es ums Einschätzen von Abständen und Ähnlichem ging, konnten beide nicht mit Sicherheit beantworten.

Die letzten offenen Fragen sollte der Bericht des Sachverständigen klären. Durch den Kontakt des Rades vom Lkw mit dem Vorderrad des Fahrrads sei die Salzwedelerin gestürzt, unter die rechte Seite des Fahrzeugs geraten und überrollt worden. Als die Zugmaschine um die Kurve gezogen wurde, kam die Frau auf der linken Seite wieder zum Vorschein. Das Fahrrad schliff zwar über die Straße, kam aber nicht unter die Reifen. „Es ist so weit in Takt gewesen und nahezu unbeschädigt“, erklärte der Sachverständige. Ob die 65-Jährige vielleicht von der Pedale abgerutscht oder aus anderen Gründen von allein gestürzt war, konnte er nicht ausschließen. Auf die Frage, ob der Unfall hätte vermieden werden können, lautete die Antwort des Sachverständigen: „Ja, wenn der Lkw-Fahrer gewartet hätte, bis die Frau gefahren wäre.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare