Von Woche zu woche

Ein unmoralisches Angebot

Journalisten müssen flexibel sein. Sie berichten über die Ratssitzung, schreiben eine Konzertkritik und erklären dem Leser die Funktionsweise einer Biogasanlage.

Sie sprechen mit dem Minister wie mit dem Bauarbeiter. Sie tippen, telefonieren und eilen auf Termine. Aber es gibt Dinge, die tun wir nicht. Wir schicken unsere Artikel nicht vorweg an unsere Gesprächspartner zur Korrektur. Warum ich das schreibe? Immer wieder werden die AZ-Redakteure mit der scheinbar harmlosen Anfrage „Darf ich vorher nochmal drüberlesen?“ konfrontiert. Das Muster ist fast immer dasselbe: „Nur damit nachher kein sachlicher Fehler im Artikel steht“, wird das unmoralische Angebot dem Schreiber versüßt. Wer könnte sich dem entziehen? Wir schon. Denn Berichte vorher zur Korrektur vorzulegen, widerspricht unserem Berufsverständnis.

Das hat etwas mit der Funktion der Presse als „vierte Gewalt“ neben Parlamenten, Regierungen und Gerichten zu tun. Zeitung, Radio und Fernsehen berichten nach ihrem Grundverständnis unabhängig über das, was sich in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ereignet, ob in der Bundeshauptstadt oder im kleinen Klötze. „Unabhängig – nicht parteigebunden“ heißt es nicht ohne Grund auf dem grünen Balken der Altmark-Zeitung. Damit verträgt es sich nicht, wenn derjenige, über den wir berichten, unseren Artikel vor der Veröffentlichung abändert. Eine Ausnahme gibt es nur bei wörtlichen Interviews, bei denen es sich eingebürgert hat, dass der Interviewpartner seine Aussagen autorisieren darf.

Man stelle sich vor: Der Stadtrat diskutiert über die Amtsführung des Bürgermeisters, und der Redakteur legt den Bericht diesem noch schnell zur Korrektur vor. „Um sachliche Fehler zu vermeiden.“ Selbstverständlich würde der Bürgermeister die Gelegenheit nutzen, die Argumente seiner Kritiker knapp zu halten. Das wäre ein amtliches Mitteilungsblatt. Zu Recht erwarten die Leser der Altmark-Zeitung, dass wir unseren eigenen Anspruch ernst nehmen.

Die unabhängige Berichterstattung ist ein hohes Gut. Grundgesetz und Pressegesetze der Länder schützen die Arbeit der Journalisten, weil eine demokratisch verfasste, freie Gesellschaft ohne freie Berichterstattung nicht funktioniert. Wie sollte sich der Wähler informieren, wenn es nur amtliche und zensierte Berichte gäbe? Und der Gesetzgeber ist noch weiter gegangen: Er hat öffentliche Ins-titutionen, ob Bundeskanzleramt oder Rathaus, Polizei oder Straßenbaubehörde, zur Auskunft verdonnert, wenn Journalisten Fragen stellen.

Das erwähne ich aus aktuellem Anlass. Da stellte uns der Chef einer Einrichtung aus dieser Kategorie (keine der genannten) vor die Alternative: Pressemitteilung unverändert abdrucken oder Bericht vorher zur Korrektur schicken. Zur Berichtigung „sachlicher Fehler“, siehe oben! Das haben wir abgelehnt. Im Zweifelsfall werden wir solche Antworten im Interesse unserer Leser auch einfordern und die Auskunftspflicht an höherer Stelle durchsetzen.

Von Gerhard Sternitzke

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