Vor 31 Jahren

Über 10 000 Menschen forderten Baustopp für Atomkraftwerk bei Arneburg

Über 10 000 Menschen aus ganz Deutschland protestierten am 11. März 1990 vor der Baustelle des Atomkraftwerkes, das bei Arneburg entstehen sollte.
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Über 10 000 Menschen aus ganz Deutschland protestierten am 11. März 1990 vor der Baustelle des Atomkraftwerkes, das bei Arneburg entstehen sollte.
  • Holger Benecke
    vonHolger Benecke
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Niedergörne bei Arneburg – der Ort wurde zu DDR-Zeiten geschleift, um dort das Kernkraftwerk (KKW) Stendal zu errichten. Das wurde bis zur Wende 1989 nicht fertiggestellt. Später wurde der Bau ganz aufgegeben. Am 11. März 1990 machten über 10 000 Altmärker und niedersächsische Nachbarn mobil, um gegen den Weiterbau der Anlage zu protestieren.

Altmark / Niedergörne - Es war die erste deutsch-deutsche Anti-Atomkraftwerk-Demo im noch nicht wiedervereinigten Deutschland, die an jenem Sonntag gegen den Bau eines 4000-Megawatt-Kernkraftwerkes friedlich zu Felde zog. Vom 16 Kilometer entfernten Stendal startete gegen 11 Uhr ein Fahrradkonvoi vom Platz der Jugend (heute Schützenplatz) in Richtung Innenstadt. Von dort ging es weiter nach Dalchau. Dort warteten tausende Demonstranten mit dutzenden Reisebussen und zahlreichen Pkw aus der gesamten Bundesrepublik, Berlin und vor allem aus der Altmark. Die am weitesten Angereisten kamen aus Bayern. Auf der Arneburger Hochfläche einte der Protest vorwiegend junge Menschen aus den Lagern der Grünen, Alternativen, Autonomen aber auch Christdemokraten und Linken. Verschiedene Gruppen hatten Infostände aufgebaut.

Der gewaltige Zug auf dem Marsch zur Kundgebung an der Baustelle des Kraftwerksgeländes.

Kurz nach 14 Uhr setzte sich der Demonstrationszug in Richtung KKW-Baustelle in Bewegung. Der Schweigemarsch wurde von einer Klagetrommel angeführt und am Ende erklangen Samba-Rhythmen und Akkordeonmusik. Zahlreiche Transparente skandierten „Kein zweites Tschernobyl – kein erstes Stendal!“, „Unsere Kinder sollen lachen, nicht strahlen!“, „Baustopp KKW Stendal – jetzt!“, „Für die Wiedervereinigung der Atommafia in Endlagern!“, „Umschalten auf Sonne und Wind!“ und „Gorleben ist überall!“.

Vor dem Haupteingang des KKW versammelten sich die Protestler zur Hauptkundgebung. „Wir werden wiederkommen, so oft es nötig ist und solange, bis das Wahnsinnskonzept gestoppt ist“, versprachen die Grünen aus Stendal. Es herrschte auch die Angst, dass der Atomschwerpunkt der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung in den Osten verlagert werde.

Dr. Sebastian Pflugbeil, 1989 Mitbegründer des Neuen Forums und 1990 Minister ohne Geschäftsbereich in der zweiten Regierung Modrows, hatte den Demonstranten ein Telegramm geschickt. Darin hieß es unter anderem: „Wer die Stasi schafft, schafft auch die Kernkraft.“

Ingrid Frölich vom Neuen Forum Stendal trat als erste ans Rednerpult und sprach über die verfehlte Energiepolitik und die jahrzehntelange Verharmlosung der Atomenergie sowie den daraus resultierenden Gefahren. In Sachen Umweltbewusstsein bezeichnete sie die noch existierende DDR als „Entwicklungsland“ und als „Energieverschwenderland“.

Sofortiger Baustopp in Niedergörne, war die Forderung. Verträge über den Kauf von Windenergietechnik in skandinavischen Ländern, war der Alternativvorschlag. Denn auch in der Braunkohle sahen die Protestler schon damals keine Alternative zur Atomenergie. Und es müsse eine Solidargemeinschaft der Atomkraftgegner in Ost und West gebildet werden, waren die Forderungen.

Dieter Herker (Mitte mit Brille): Er gründete wenig später „Local Heroes“.

Die niedersächsische Grüne und spätere Europa-Abgeordnete Rebekka Harms, die schon 1977 die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mitgegründet hat, beschwor die tödliche Gefahr der Atomenergie. Und sie warnte vor den Männern in den weißen Westen, vor den Herren der westdeutschen Atom-Wirtschaft. Die Eroberungspolitik der Konzerne habe begonnen, die Pläne dafür hätten lange vor dem 9. November 1989 in den Schubladen gelegen, so Harms. Die Kraftwerksunion wolle kaufen, abreißen und neu aufbauen – ein funkelnagelneues Atomkraftwerk, wusste die Grüne.

Die Gefahren der Atomenergie dürften nicht unterschätzt werden, machte auch ein Sprecher der „Südbadischen Bürgerinitiative gegen Atomkraft“ deutlich. Grundtenor an diesem ersten deutsch-deutschen Protesttag: „Protest ist nur mit friedlichen Mitteln machbar und letztlich auch erfolgreich.“ Und die Geschichte gab ihnen Recht – zumindest im Fall des KKW Stendal.

In Salzwedel warten Protestler auf den Bus (2.v.l. Lutz Thiede).

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