Bahn-Freunde beklagen den Niedergang des einstigen Altmark-Drehkreuzes auf Schienen

Tote Hose am Salzwedeler Bahnhof

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Enttäuschte Bahnfreunde: Als vor kurzem der legendäre Rheingold-Express durch die Hansestadt fuhr und kurz Halt machte, gab es abends nicht einmal eine Zug-Ansage.

Salzwedel. Zu DDR-Zeiten, so berichtet der mittlerweile nicht mehr aktive Salzwedeler Bahnfreund Rainer Laukert, habe es in der Hansestadt Salzwedel allein rund 50 Rangiergleise gegeben. Heute sieht man davon kaum noch etwas.

Die einstige Zugdrehscheibe ist zugeschüttet und kaum mehr erkennbar. „Als Bahnfan ist das ein Jammer. Am besten, man geht gar nicht mehr hin. Man ärgert sich nur und denkt an alte, glanzvollere Zeiten – das tut weh und ist furchtbar“, beschreibt Laukert seine Emotionen. Heute herrscht überwiegend tote Hose am Salzwedeler Bahnhof. Bahn-Freunde beklagen den Niedergang des einstigen Altmark-Drehkreuzes auf Schienen, der seinerzeit mit hunderten Mitarbeitern so etwas wie die Eisenbahn-Pulsader war – Lebenselixier für die Zuckerfabrik, Erdgas und viele andere Branchen. Derzeit steht der Salzwedeler Bahnhof zum Verkauf. Eine Handynummer steht Interessenten zur Verfügung. Aus Sicht der Bahnfreunde ist dagegen die Initiative aus dem benachbarten Niedersachsen lobenswert, wo die dortige Landesregierung den einstigen Prachtbauten an den Gleisen wieder neues Leben einhauchen will. In Sachsen-Anhalt gebe es solch eine Initiative leider nicht, hieß es. Dagegen kommt der Bahnhof der Kreisstadt offenbar komplett ohne Personal aus. „Möglicherweise sitzt in der oberen Etage des Gebäudes noch jemand, aber der lässt sich unten nicht blicken“, mein Laukert, der ehemalige Bahn-Mitarbeiter. Wer eine Frage hat, muss Online gehen und googeln. Statt dessen wirkt der Salzwedeler Bahnhof wie ferngesteuert und berichtet so auf dramatische Weise vom infrastrukturellen Niedergang einer ganzen Region: Die Durchsagen zu den Anschlüssen an den Gleisen kommen laut Rainer Laukert aus Stendal.

Als vor einigen Tagen abends der legendäre Rheingold-Express von Hamburg durch die Hansestadt fuhr und kurz Halt machte, gab es zum Ärger der zahlreich angereisten Bahnfans nicht einmal eine Zug-Ansage. „Das ist wieder einmal typisch für Salzwedel. Wir sehen hier sowieso nur die Rücklichter“, sagte eine wartende Frau verärgert. Rainer Laukert und sein Freund Andreas Leitel beklagen auch, dass es den Eisenbahnfreunden Salzwedel nicht ermöglicht wurde, ihre Ambitionen in der Hansestadt umzusetzen. „Das hätte heute sicher auch viele Touristen angelockt“, sind sich die Bahnfreunde ganz sicher. Apropos sicher: Wie sieht es eigentlich mit der Sicherheit für Fahrgäste in einem „ferngesteuerten“ Bahnhof aus? Ein Notrufschalter ist zumindest auf den ersten Blick nicht zu sehen – geschweige denn Sicherheitspersonal. Ein Gutes hat allerdings aus Sicht der Bahnfreunde ein Kreisstadt-Bahnhof, der nahezu komplett ohne Personal auskommt: Wer nicht beschäftigt ist, der kann auch nicht streiken.

Von Kai Zuber

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