23. Dezember 1967: Vor 50 Jahren töteten zwei Deserteure der Sowjetarmee zwei Salzwedeler

Todesschüsse in der „Flora“

+
Kurt Schwerin (l.) mit seinem Freund Uwe Meineke in der „Flora“. Schwerin büßte sein Draufgängertum zwei Tage vor seinem 26. Geburtstag mit seinem Leben ein. Drei Schüsse eines Deserteurs der Roten Armee loschen sein junges Leben aus.

Salzwedel. Vor 50 Jahren, am 23. Dezember 1967, fielen Schüsse an der Salzwedeler Flora. Zwei desertierte Soldaten der Sowjetarmee feuerten in der Gaststätte um sich, als sie entdeckt wurden.

Zwei Tage vor seinem 26. Geburtstag starb der Salzwedeler Kurt Schwerin im Kugelhagel. Auch der fast 70-jährige Alfred Meineke wurde getroffen. Am 22. Januar 1968 erlag auch er seinen schweren Verletzungen.

Was war geschehen? Die beiden Rotarmisten gehörten zu der in Hillersleben liegenden 47. Panzer-Division. Die beiden 21-Jährigen hatten sich am 22. Dezember 1967 gegen 3 Uhr in ihrer Kaserne einen Kübelwagen, Pistolen, ein Maschinengewehr und eine Kiste Munition geschnappt und wollten in den Westen fliehen. Noch in ihrer Kaserne erschossen sie einen Leutnant.

„Sto Gramm“ in der „Flora“

Uwe Meineke vor der „Flora“: Er war damals 23 Jahre alt.

Ortswechsel – der heute 73-jährige Uwe Meineke, Sohn des getöteten Alfred Meineke, erinnert sich: Am 23. Dezember 1967 halten sich gegen 19.30 Uhr etwa 35 Gäste in der Salzwedeler „Flora“ auf, als die beiden Deserteure in Räuberzivil, das sie offenbar in einer Laube oder Scheune gefunden hatten, den Schankraum betreten. Sie fallen zwar auf, doch nimmt kaum jemand Notiz von ihnen. Sie bestellen sich jeder eine Bockwurst, ein Bier und wie für Russen üblich „Sto Gramm“ (100 Milliliter Wodka).

Nur Rosina Meineke kommen die beiden russischen Zivilisten verdächtig vor. Sie will jedoch nicht vom Tresen aus telefonieren und geht deshalb über die Straße zu Schwerins, um von dort aus die Polizei anzurufen. Kurt Schwerin begleitet sie zurück in die Flora. Wenig später treffen Polizei und Soldaten der Roten Armee ein. Diese sind auf der Suche nach den Deserteuren bereits überall im Salzwedeler Grenzgebiet unterwegs. Während vor und hinter der „Flora“ Rotarmisten mit zwei Schützenpanzerwagen in Stellung gehen, betreten ein Polizeioffizier und ein Dolmetscher der Sowjetarmee das Lokal durch den Hintereingang und spähen hinter einem großen Kachelofen hervor aus einen Nebenraum in die Schankstube.

Schusswechsel im Schankraum

Alfred Meineke erlag einen Monat später seinen Verletzungen.

Gastwirt Günter Meineke sagte zu ihnen: „Lasst sie erst raus. Es sind zu viele Leute hier.“ Doch der Polizeioffizier entgegnete: „Wir erschießen die.“ Der Dolmetscher riss die Tür auf und beide feuerten mit ihren Pistolen auf die Deserteure, trafen aber nicht. Einer der beiden Flüchtigen schoss zurück und traf den Dolmetscher mit einem Streifschuss an der linken Seite in Höhe der Herzgegend. Der Übersetzer sackte zusammen und schoss noch einmal. Dabei traf er den am Stammtisch sitzenden 69-jährigen Alfred Meineke von der Seite in der Bauchgegend. Die beiden Deserteure flohen am Tresen vorbei durch den dunklen Vereinsraum zur Hintertür. Kurt Schwerin hinterher. „Das war ein verrückter Hund“, spricht Uwe Meineke mit Respekt von seinem Nachbarn und Freund. Dann fallen im Vereinszimmer drei Schüsse. Sie treffen Kurt Schwerin. Der ist sofort tot.

Die Deserteure rennen über den Hof. Dort liegen die Rotarmisten, die ihre geflohenen Kameraden einfangen sollen „mit der Schnauze im Dreck“. Keiner schießt. Auch die Besatzung des Spähwagens nicht.

Die Deserteure erreichen den Güterbahnhof. Hinter ihnen sind Salzwedeler Polizisten hinterher. Diese sehen auf dem beleuchteten Güterbahnhof, dass die beiden Rotarmisten auf einen Zug aufspringen, der gerade den Bahnhof in Richtung Stendal verlässt. Die Verfolgungsjagd geht bis Klein Gartz. Dort springen die Deserteure ab und flüchten in eine Scheune. Diese ist von den Verfolgern im Handumdrehen umstellt. Dann passierte nichts mehr.

Standrechtlich erschießen

Am nächsten Tag feuerte ein Schützenpanzerwagen einige Salven mit seiner Turmbewaffnung in die Scheune. Die beiden Deserteure kamen mit erhobenen Händen heraus und wurden festgenommen. Vier Tage später wurde ihnen in Potsdam der Prozess gemacht. Aus Salzwedel wurden „Flora“-Gäste als Zeugen mit drei Autos der SED-Kreisleitung dorthin gefahren. Vom Prozess selbst bekamen die nicht viel mit. Sie mussten ihre Aussage machen und durften erst wieder zur Urteilsverkündung in den Saal. Und das lautete: standrechtlich erschießen.

Von Holger Benecke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare