Politiker schweigen

Tierheim-Trio räumt nach 28 Jahren das Areal: „Wir würden gerne weitermachen“

Vorsitzende Antje Gebert mit Emma (9, deutsche Doggenmix), Tierheimleiterin Tanja Burchardt mit Pudlig (5, Rottweiler-Mix) und ihre Stellvertreterin Susann Hasani mit Nieps (5, Bordeaux-Doggen-Mix).
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Vorsitzende Antje Gebert mit Emma (9, deutsche Doggenmix), Tierheimleiterin Tanja Burchardt mit Pudlig (5, Rottweiler-Mix) und ihre Stellvertreterin Susann Hasani mit Nieps (5, Bordeaux-Doggen-Mix).

Hoyersburg – Mittwoch war eigentlich der letzte Tag im geschlossenen Tierheim in Hoyersburg für Antje Gebert und ihre Mitarbeiterinnen Tanja Burchardt und Susann Hasani.

Eigentlich, denn die Stadt hatte dem Heimbetreiber Tierschutzverein, dessen Vorsitzende Antja Gebert ist, am 5. Juli zum 31. Juli außerordentlich gekündigt (wir berichteten).

„Die reguläre Kündigungsfrist wäre zum 31. Januar 2020 gewesen“, sagt Antje Gebert. Sie und ihre Mitarbeiterinnen räumen seit drei Wochen das Areal in Hoyersburg aus. Nur ein einziges der rund 40 Tierschutzvereinsmitglieder hilft dabei. Auch sonst hat sich niemand in Hoyersburg blicken lassen – weder Bürgermeisterin Sabine Blümel noch die Salzwedeler Stadträte, sind die Vereinschefin und ihre Mitarbeiterinnen tief enttäuscht.

Kaum Hoffnung

„Wir haben geringe Hoffnung, dass noch irgendjemand in den zuständigen Ämtern aufwacht“, wünscht sich das Trio im Tierheim. Doch die Stadt scheint mit dem Kapitel vorerst abgeschlossen zu haben. „Wir bringen die Tiere bei engagierten Leuten unter. Derzeit haben wir einen Fundhund, der im Tierheim in Ahlum ist“, sagte Stadtsprecher Andreas Köhler. Was aus dem Hoyersburger Areal – es gehört der Stadt – wird, wie es um ein künftiges Salzwedeler Tierheim bestellt sei, darüber wollte Köhler nicht spekulieren. Für den Verein, der 28 Jahre lang in Hoyersburg erfolgreich gearbeitet hat, scheinen offenbar die Messen gesungen.

Angefangen hatte alles nach internen Querelen. Dann hat der Altmarkkreis dem Tierschutzverein am 3. Juni dieses Jahres die Betriebserlaubnis entzogen, weil es an Fachkräften gemangelt haben soll. Seitdem durfte der Verein nur noch die zu diesem Zeitpunkt dort vorhandenen Tiere – acht Hunde, 17 Katzen und eine Schildkröte – vermitteln, aber keine neuen aufnehmen. Das lief erfolgreich. Derzeit leben noch vier Hunde und eine Katze in Hoyersburg.

Nachfolger schon da

Der Mangel an Fachpersonal war dadurch eingetreten, dass der Verein seiner damaligen Tierheimleiterin und deren Stellvertreterin gekündigt hatte (wir berichteten).

Doch Vorsitzende Antje Gebert kümmerte sich um eine Nachfolge. So hatte sie bereits zum 1. April Susann Hasani eingestellt. Diese ist seit vier Jahren zweite Vorsitzende in einem Tierschutzverein und hat eine Ausbildung an der Hundeakademie in Köln absolviert. Zum 1. Juni begann dann Tanja Burchardt im Tierheim zu arbeiten, die drei Jahre lang Tierpflegerin für Tierheime und Tierpensionen gelernt und abgeschlossen hat. Gefordert ist für das Tierheim lediglich ein Fünf-Tage-Lehrgang, der als die nötige, vom Altmarkkreis Salzwedel geforderte Qualifikation ausreicht.

Nichtsdestotrotz entzog der Kreis die Betriebserlaubnis. Antje Gebert legte Widerspruch beim Veterinäramt ein, beantragte beim Verwaltungsgericht eine Wirkung und beantragte eine neue Betriebserlaubnis mit Tanja Burchardt als Tierheimleiterin und Susann Hasani als Stellvertreterin.

Dann wurde sie am 5. Juni von der Kündigung der Stadt überrascht, die sich auf die kreisliche Rücknahme der Betriebserlaubnis stützte. Denn die Stadt sah dadurch die Vereinbarungen zwischen ihr und dem Tierschutzverein von Letzterem nicht mehr erfüllt. Und setzte die Frist, das Tierheim-Areal (Stadteigentum) bis zum 31. Juli komplett zu räumen.

Rückforderungen

Für das Unterbringen und Versorgen von Fundtieren, eine Pflichtaufgabe der Kommune, hatte die Stadt dem Tierschutzverein jährlich 56 000 Euro bezahlt. Das reichte nicht einmal für die Personalkosten (64 000 Euro). Der Verein stemmte den Rest, bezahlte auch alle Nebenkosten inklusive Versicherung sowie notwendige Instandsetzungsarbeiten. In den 28 Jahren investierte der Tierschutzverein rund 250 000 Euro ins Hoyersburger Tierheim. Für diese Summe fordert Antje Gebert von der Stadt einen Wertausgleich. Denn: Die Stadt habe teilweise auch gefordert, was der Verein anzulegen hätte. So zum Beispiel eine Hundequarantäne, deren erste Bauabschnitt gerade fertig ist.

Viele Aktivitäten

Da der Tierschutzverein auch Fördermittel beantragt hatte, stehen nun, nach der Kündigung von Seiten der Stadt, die Geber vor der Tür des Tierschutzvereins. „Das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten will die Fördermittel der vergangenen fünf Jahre zurück“, berichtet Antje Gebert.

Im Hoyersburger Tierheim kamen in den vergangenen Jahren zwischen 30 und 40 Katzen sowie rund 20 Hunde unter. Hinzu kamen in der Ferienzeit etwa 15 Pensionstiere. Zur Betreuung waren auch zwei FÖJ-ler (Freiwilliges Ökologisches Jahr) eingesetzt. Die nächsten sollten im August und September kommen. „Wir mussten ihnen kurzfristig sagen, dass sie sich etwas Neues suchen müssen“, bedauert die Vereinsvorsitzende.

Gleiches gilt für Maßnahmen zum Wiedereinstieg ins Arbeitsleben, Schulklassen und Schulverweigerer, die mit gutem Erfolg Praktikas im Tierheim absolvierten. Auch für Sozialstundenleistende und Helfergruppen aus dem Zentrum für Soziale Psychiatrie gibt es nun in Hoyersburg nichts mehr zu tun. Und auch für die rund 15 Gassigeher, die tagtäglich mit den Hunden unterwegs waren.

Ohne Job

Und: Susann Hasani kann sich nach vier Monaten und Tanja Burchardt nach nur zwei Monaten einen neuen Job suchen. Beide hatten bereits angefangen, Pläne umzusetzen, die das Tierheim attraktiver machen sollten. So zum Beispiel der Bau einer Kleintieranlage, damit das Heim endlich auch Kaninchen & Co. aufnehmen könnte. „Man hat uns keine Chance gegeben“, fasst Tanja Burchardt die Stimmung der drei Frauen zusammen. Es sei immer um alles Mögliche gegangen – aber nie um die Tiere, bedauern sie. „Wir würden gerne weitermachen.“

VON HOLGER BENECKE

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