Vor 25 Jahren führte der Weg von Salzwedel nach Uelzen noch über die Tschechoslowakei, Österreich und Ungarn

Tidow Heymann auf der Flucht

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Auf der Flucht: Christoph und Sylvia Heymann schlugen sich mit ihrem anderthalbjährigen Sohn Niels von Salzwedel über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich bis Uelzen durch.

Salzwedel / Oldenstadt. Er wollte in den Westen, ist aber eigentlich nicht wirklich weit gekommen. Christoph Heymann wohnt nur rund 45 Kilometer von seiner alten Heimat Salzwedel im Uelzener Stadtteil Oldenstadt.

Doch der Weg dorthin war weit – führte im August und September 1989 während einer abenteuerlichen Flucht mit seiner Frau Sylvia und dem anderthalbjährigen Sohn Niels von Salzwedel über die Tschechoslowakei (CSSR), Ungarn und Österreich in das damals noch andere Deutschland.

„Mit 39 ist man allemal mutiger als mit 64“, gesteht Christoph Heymann, der in seiner Heimat besser unter seinem Spitz- bzw. Künstlernamen „Tidow“ bekannt ist. Früher spielte er in verschiedenen Bands wie beispielsweise der Kultband Vehikel. Nun gehört der Gitarrist zu den Chicago Blues Gangsters und tritt im November im „Crazy World“ auf.

„Eigentlich bin ich abgehauen, weil ich eine Gerichtsverhandlung hatte. Noch ein Ding und Sie ziehen ein, hat man mir gesagt“, erinnert sich Heymann. Eingesperrt werden sollte der Salzwedeler, weil er den Staat verklagen wollte. Denn seit dem Tod seiner Mutter 1985 wollte Heymann in den Westen. Sein Vater, der 1953 der DDR den Rücken gekehrt hatte, und seine Geschwister lebten in Köln. Da alle Versuche in den Westen auszureisen, gescheitert waren, stützte sich der Salzwedeler auf die Schlussakte von Helsinki (Stichwort Familienzusammenführung) und klagte auf Ausreise. Dadurch wurde der DDR-Boden für Heymann im Sommer 1989 sehr heiß. Trotzdem ihr Sohn Niels erst anderthalb Jahre alt war, entschieden sich die Heymanns zur Flucht über Ungarn.

Am letzten Freitag im August 1989 ging es um 11 Uhr los. Bereits im April 1989 hatte Heymann DDR-Mark gegen Kronen für drei Wochen CSSR getauscht. Fluchtgeld. Das wurde im Ausweis eingetragen. Heymann wusch daraufhin seinen Ausweis durch und beantragte einen neuen. Im August 1989 nahm der Betriebshandwerker und Zimmermann der Gebäudewirtschaft einen Tag Urlaub – die Flucht sollte nicht auffallen – um seine Tante Clara Drange in Horny Slattna in der Tschechoslowakei zu besuchen. „Unterwegs habe ich in verschiedenen Städten jeweils 500 Mark von der Bank geholt“, erinnert sich Heymann. Seine Gitarre und seinen Farbfernseher ließ er bei einer Freundin in Eldena.

Von dort aus ging es zu Tante Clara, der die Familie verkündete: „Wir hauen jetzt ab in den Westen!“ Tante Clara sah es pragmatisch und spendierte 50 D-Mark: „Spinnt ihr jetzt alle? Was ist den los mit eurem Dachdecker?“ (Gemeint war Staatschef Erich Honecker, der gelernter Dachdecker war.)

Weiter ging es nach Brünn. „Dort war gerade Motorradweltmeisterschaft und kein Hotel zu bekommen“, sagt Heymann. Die Familie übernachtete im Wartburg Tourist. Ein Visa für Ungarn bekamen die Heymanns „aus Gründen der nationalen Sicherheit“ nicht. „Da ich die Tschechen kannte, wusste ich, dass die sonntags immer Party machen.

Von Holger Benecke

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