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Theater im Zug: Mittendrin und doch ganz weit weg

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Von: Bernd Zahn

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Sandra Macrander erzählte die Geschichte einer Frau, dessen Vater im Bett erschossen wurde und die später in ein KZ kam. Wie viele andere verließ die Frau ihre Heimat in Bayern, um nach Amerika auszuwandern. © Zahn, Bernd

Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben und nutzen unter anderem für ihre Flucht die Amerika-linie. Ein Theaterstück erzählt entlang der Bahnstrecke Geschichten der Betroffenen.

Salzwedel – In sieben Waggons eines 130 Meter langen Güterzuges, der auf einer Nebenschiene am Bahnhof in Salzwedel stand, wurde am Dienstag- und Mittwochabend das Theaterstück „Amerikalinie“ aufgeführt. Das dokumentarische Stück erzählt die bewegenden Geschichten von Ausgewanderten nach Übersee. Hautnah konnten die etwa 120 Theatergäste dabei sein. Direkter, näher als bei dieser bewegenden Inszenierung kann man Schauspielern wohl nicht kommen.

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„Meine Tante hat uns nach dem Krieg mit Paketen versorgt“. Waltraud Auer ging in ihrer Rolle eines jungen Mädchens voll auf. © Zahn, Bernd

Die Macher der Künstlergruppe Das letzte Kleinod wurde 1991 von Regisseur Jens-Erwin Siemssen gegründet. Als Produktionsleiter wirkte Florian Götz und sorgte dafür, dass die einzelnen Theatervorführungen in den Waggons des Zugs pünktlicher als die Bahn vonstattengingen. Zum Hintergrund der Amerikalinie: 1873 wurde sie eröffnet und feiert im nächsten Jahr 150. Jubiläum. Besonderes soll es dann auf dem Museumsbahnhof Ebstorf geben, der damals als Auswanderer-Bahnhof fungierte. Die Amerikalinie erhielt ihren Namen durch die Auswandererzüge, die in den beiden Jahrhunderten Millionen Reisende nach Bremen und Bremerhaven an die Seehäfen brachten.

Die einzelnen Lebensgeschichten im Theaterstück erzählten davon, spielten zwischen 1930 bis 1960 und beleuchteten besonders intensiv die Zeit des 2. Weltkrieges sowie der Nachkriegszeit. Die Stücke legten den Finger bewusst in die klaffenden Wunden der aktuellen Zeit und machten klar: Wenn Waffen gebaut werden, kommt auch der Tag, an dem sie benutzt werden.

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Andreas Schulz in der Rolle des Metzgergesellen. © Zahn, Bernd

Dieser dramatischen Sollbruchstelle zwischen gestern und heute war sich jeder bewusst und im Spiel der Szenen, besonders im ersten Waggon, sehr greifbar. Die Angst, die Wut und die Trauer bekamen ein Gesicht, das sich in den Gesichtern der Besucher widerspiegelte und für schreiende Stille sorgte.

Im letzten Waggon hingegen sorgte ein glasblasender Baritonsänger (Roland Klappstein) für ohrenbetäubenden Lärm wie in einer Fabrikhalle im industrialisierten Amerika. Dort wurde die Geschichte vom Obdachlosen, der zum größten Glashersteller wurde, erzählt. Mit Lederschürze und einem dicken Glasrohr besah er sich das Publikum wie durch ein Brennglas im grellen weißen Licht. Ohne umständliche didaktische Hinweise erklärten sich die einzelnen berührenden Szenen aus dem Leben wahrer Menschen von selbst.

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Der stimmgewaltige Baritonsänger Roland Klappstein verkörperte Willi Geier, einen blinden Passagier. © Zahn, Bernd

Weil Salzwedel Teil der Amerikalinie war, machte der Zug überhaupt einen Stopp in der Hansestadt. Und bei aller Unterhaltung sollte nicht vergessen werden, was für ein wütendes Requiem es war, das auf Vernichtung und Macht aus war, das Millionen aus ihrer Heimat vertrieb. Und daran erinnert das Stück „Amerikalinie“.

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