Verwildertes Federvieh selbst bei Ornithologen unbeliebt / Kirchendächer verdreckt

Stadttauben sind vogelfrei

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Erfolgreiche Jagd: Greifvögel wie dieser Sperber im Salzwedeler Stadtgebiet Arendseer Straße holen sich regelmäßig eine Taube. Turmfalken wie es sie auf der Salzwedeler Mönchskirche gibt, haben es nicht unbedingt auf Tauben abgesehen.

Salzwedel / Osterburg. „Die Stadttaube würde vielen Menschen nicht fehlen – mir auch nicht. “ Torsten Friedrichs, der Vorsitzende des Ornithologenvereins Altmark-Ost, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Das verwilderte Federvieh sei nun einmal aus rein fachlicher Sicht nicht besonders wertvoll und auch sonst ein ziemliches Ärgernis, ja sogar ein Schädling, weil es Parasiten und Krankheiten übertragen kann. „Das Problem wird auch deshalb nicht kleiner, weil der Mensch mit dem Bauch denkt und diese ach so niedlichen Tiere füttert. Dies ist auf dem Markusplatz in Venedig genauso wenig sinnvoll wie auf dem Kleinen Markt in Osterburg. “ Oder auch in Salzwedel.

Was am Ende dabei herauskommt, führt nicht nur in der Biesestadt immer wieder mal zu Putzaktionen und Diskussionen. In Osterburg sind vor allem der kulturhistorisch wertvolle Neptunbrunnen und der Bereich hinter der Nicolaikirche regelmäßig mit dem Kot der Federtiere übersät, in Salzwedel sind es unter anderem die Dächer, insbesondere das Dach der Mönchskirche.

Osterburgs Kirchentauben nutzen gern den Neptunbrunnen. Sie trinken das Wasser und baden mitunter darin.

Die Tauben finden auf Gotteshäusern ideale Lebensbedingungen. „Je höher sich die Tiere ansiedeln, umso sicherer fühlen sie sich“, erklärt Torsten Friedrichs. Die Tauben suchen sich in luftiger Höhe ihre Nische, Vorsprünge, Simse, ein höhlenartiges Domizil, mitunter auch nur das Knie einer Regenrinne. Diese Vorliebe stecke quasi in ihren Genen. Die südeuropäische Felsentaube bevorzugt ebenfalls Höhlungen. „Der Mensch hat aus ihr irgendwann ein Nutztier domestiziert. So manche Zucht- und Brieftaube ist im Laufe der Zeit nicht mehr zu ihm zurückgekehrt.“ Die verwilderten Exemplare mögen dennoch seine Nähe. Salzwedel und Umgebung sind ländlich geprägt. Dort werde vergleichsweise viel Geflügel gehalten, an dessen Futter sich gar nicht so selten auch Tauben laben könnten. Ein kleines Paradies für sie.

Überhaupt gelten Tauben als ungemein anpassungsfähig. Oft leben sie in Nachbarschaft mit Dohlen. „Ich weiß definitiv, dass dort oben auf der Osterburger Nikolaikirche fünf Dohlenpaare leben.“ Sakralbauten wie dieser ziehen aber in der Regel auch immer wieder Turmfalken an – wie auf der Salzwedeler Mönchskirche. Von der Dohle, einem kleinen Krähenvogel, hat die gemeine Stadttaube nichts großartig zu befürchten. Sie haben in etwa dieselbe Größenklasse. Auch der Turmfalke hat es nicht unbedingt auf Tauben abgesehen. Vielleicht räumen Elster und Krähen ähnlichen Schlages einmal ein Nest aus, mehr aber kaum. So richtig gefährlich werde Tauben der Wanderfalke, von dem es in der Gegend einige Vertreter gebe. Sperber und Habicht zieht es im Winter vermehrt in die Städte und sie greifen sich bei ihren Raubzüge so manche Taube.

„Letzten Endes sind diese Tauben vom Menschen eingebracht worden. Und der Mensch müsste sich darum kümmern, dass sie wieder verschwinden.“ Allerdings sei dies ein recht schwieriges Unterfangen. Niemand sollte gerade aus tierschutzrechtlicher Sicht einfach zur Flinte greifen. Und wer ihr einfach nur die Nistmöglichkeiten nimmt, trifft auch Dohle, Eule, Falke & Co., also Vögel, die dem Ornithologen vergleichsweise wichtig scheinen und die in der Regel besonders geschützt sind. Nach dem „Augsburger Konzept“ verfahren immer mehr Kommunen. Durch extra angelegte Taubenschläge soll ein gesunder und verträglicher Bestand erreicht werden. „Wo da genau das Maß liegt, ist natürlich wieder eine ziemlich subjektive Frage“, ist sich Friedrichs sicher. Umwelthygienische Belange, die Interessen der Bürger, die sich von den Tieren belästigt fühlen, die Gefühle der Taubenfreunde und natürlich auch die Bedürfnisse der Federtiere sollen bei diesem Modell Berücksichtigung finden. Die Tauben werden ordentlich versorgt. Ein Großteil der Eier wird zur Bestandsregulierung durch Attrappen ersetzt. Ob eine derart konzertierte Aktion sinnvoll wäre oder man damit im Falle Osterburgs und Salzwedels nur mit Kanonen auf Spatzen schießen würde, müsse gut überlegt sein.

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