IM GERICHT In spätestens 30 Minuten im Revier

Salzwedeler Drogenprozess: Polizist schildert Ermittlungen und Verhöre

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Die Angeklagten Nummer 3 (v.l.), Nummer 7 und Nummer 6 brachten die Ermittler nach der Razzia am 21. Februar dieses Jahres in Salzwedel auf die Spur der anderen Beteiligten am Online-Drogenhandel. Die Polizei ahnte nach Aussage vor Gericht bis dato nichts von den Vorgängen.

Salzwedel / Stendal – Mit der Zeugenaussage des 50-jährigen Ermittlers der Polizei hat sich im Salzwedeler Drogenprozess nun ein umfassendes Bild der Lage ergeben.

Der Zeuge sprach nicht nur über die Arbeit der Polizei, sondern auch über die Gemütszustände der Angeklagten während ihrer Vernehmung.

Ahnungslose Polizei

Einige der Angeklagten seien den Behörden bereits seit einigen Jahren bekannt, auch die Wohnung an der Wollweberstraße, wo im Februar die entscheidende Razzia stattfand. Dennoch war die Polizei ahnungslos, was die Aktivitäten des „Kleinen Pulvershops“ betrifft – so jedenfalls der Eindruck vom vierten Verhandlungstag am Stendaler Landgericht. Was zeigt, dass die Angeklagten ihr Geschäft gut getarnt und einigermaßen am Laufen hatten.

Razzia wegen TV-Gerät

Der Drogenfund in der Wohnung der Angeklagten 6 und 7 sei reiner Zufall gewesen, sagte der Polizist sinngemäß aus. Denn die Beamten waren auf der Suche nach einem gestohlenen Fernseher (wir berichteten) und anderen Dingen, die die beiden von einem Exfreund mitgehen lassen haben sollen. Diese wurden in der Wohnung nach einem Beschluss des Salzwedeler Amtsgerichts ironischerweise aber nicht gefunden – dafür aber die abgestellten Drogen des Angeklagten Nummer 3, des Bruders der Angeklagten Nummer 6. „Das war uns neu“, beschrieb der Zeuge das Erstaunen der Polizei. Kurios: Nummer 3 wurde vor Ort angetroffen, aber als Nichtbeteiligter zunächst nicht belangt.

Ermittlungen starten

Von da an nahmen die Ermittlungen ihren Lauf. Von den beiden Wohnungsmietern (Nummer 6 und 7) erfuhren die Polizisten, wem die Drogen gehören (Nummer 3). Und sie erhielten auch gleich die Handynummer. „Er bekam 30 Minuten Zeit, sich im Revier zu melden“, so der Ermittler. Dort wurde er festgenommen und sagte aus. Nach und nach kamen so die anderen ins Visier der Ermittler.

Tränen beim Verhör

Die Reaktionen in den Verhören seien unterschiedlich gewesen, sagte der Polizist vor Gericht aus. Die beiden Wohnungsmieter, wegen denen die ganze Sache erst ins Rollen gebracht wurde, hatten die Prozedur „sehr emotional“ aufgenommen. Viele Tränen seien geflossen, so der 50-Jährige. Auch der Angeklagte Nummer 3, der die Drogen in die Wohnung gebracht und dort verpackt und versendet hatte, habe den Eindruck vermittelt, er würde jeden Moment zusammenbrechen.

Beschuldigter Nummer 2, derjenige, der zuvor nach Magdeburg verzogen war und dort als Lagerist diente, kam dem Ermittler als „gebrochene Persönlichkeit“ vor, wie er beschrieb. Die anderen sollen gefasster gewesen sein – Angeklagter Nummer 5, der seine Wohnung an der Goethestraße in Salzwedel vor dem Umzug an die Wollweberstraße für den Drogenhandel zur Verfügung gestellt hatte, gab den Polizisten noch den Hinweis auf eine illegale Hanfplantage im Altmarkkreis Salzwedel. Auch von dieser hätten die Ermittler bislang nichts gewusst, sie dann aber erfolgreich ausgehoben.

Angebot in der Haft

Interessanterweise fanden die Polizisten beim Landes- und Bundeskriminalamt keine Hinweise auf die Person („Fliegender Holländer“), die dem Angeklagten Nummer 1 das Onlinegeschäft im Darknet beigebracht haben soll (wir berichteten). Auch gibt es offenbar keine Inventarlisten mehr, weswegen der Angeklagte Einkaufs- und Verkaufspreise sowie Mengen aus dem Gedächtnis aufschrieb. In der Justizvollzugsanstalt Burg, in der einige der Angeklagten in Untersuchungshaft sitzen, soll Angeklagter Nummer 2 ein Angebot von Nummer 1 erhalten haben: Nähme er alle Schuld auf sich, würde er ein Jahr lang jeden Monat 5000 Euro erhalten – was er nicht tat.

Der Drogenprozess geht am heutigen Dienstag in Stendal mit weiteren Ermittleraussagen weiter. Später sollen noch Sachverständige zu Wort kommen. Die Termine sind öffentlich.

VON JENS HEYMANN

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