Bundestagspräsidentin in Salzwedel

Rita Süßmuth kam mit Honis Volvo

Menschen auf Platz
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Hunderte Altmärker empfingen Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth am 23. Februar 1990 vor dem Salzwedeler Kulturhaus. Im Hintergrund demonstrierten die Bergschloss-Brauer für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.
  • Holger Benecke
    vonHolger Benecke
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„Es mag Ihnen nach all den Jahren nicht nach Wählen sein, aber es ist die erste freie Wahl auf dem Boden der DDR, und nutzen Sie die Chance. Denn Demokratie ohne Beteiligung des Volkes kann keine Demokratie werden!“ Mit diesen Worten wandte sich die Bundestagspräsidentin am 23. Februar 1990 vor dem Kulturhaus an hunderte Salzwedeler.

Salzwedel - Rita Süßmuth (CDU) war mit einem Volvo aus der Ex-Honecker-Fahrbereitschaft in die Hansestadt gekommen, um Wahlkampf für die CDU zu machen. Die Volkskammerwahlen – die letzten der Noch-DDR – standen vor der Tür. Süßmuth war am Vormittag mit Verspätung im Rathaus eingetroffen. Dort wehte, von zwei Stadtflaggen eingerahmt, die DDR-Fahne. Dort wurde sie von Bürgermeister Siegfried Schneider erwartet, der trotz Krankenstand ins Rathaus geeilt war. Allerdings konnte er seine Amtskette nicht anlegen, die hatten seine Mitarbeiter einen Tag zuvor zur Reparatur gebracht. Ein Schelm, wer sich Böses dabei dachte.

Der spätere Landrat Egon Sommerfeld hatte einen Strauß Blumen für den hohen Gast mitgebracht.

Egon Sommerfeld kam mit Blumen

Zum offiziellen Empfang spielte ein Jagdhornbläserchor, und Sigrid und Günter Scholz von den „Deelenpettern“ überreichten in traditioneller altmärkischer Tracht einen Baumkuchen. Auch Willibald Toscher hatte sich eingefunden. Der Salzwedeler zog nach der Wahl am 6. Mai als CDU-Mann in die Volkskammer ein. „Ich habe eine moralische Verpflichtung, die Karre aus dem Dreck zu schieben – und zwar in die richtige Richtung“, verkündete er am Nachmittag auf dem Kulturhausvorplatz vor hunderten Altmärkern.

Dort begrüßte auch der spätere Landrat Egon Sommerfeld aus Pretzier die Bundestagspräsidentin mit einem Blumenstrauß. „Salzwedel hat viele Freunde, und wir streiten uns darum, wer Ihnen am besten helfen kann“, legte sich auch der niedersächsische CDU-Landtagsabgeordnete Kurt-Dieter Grill vor der Menge ins Zeug.

Rita Süßmuth riet nach einem ausgiebigen und umjubelten Bad in der Menge zum generellen Umdenken. Nicht mehr das Kollektiv, sondern der einzelne Mensch stehe an erster Stelle, rief sie den Menschen zu. In den letzten Reihen kam das nicht so gut an, denn an der Straße standen die Bergschloss-Brauer mit ihren Fahrzeugen und demonstrierten für den Erhalt ihres Betriebes.

Interessant: Vor 31 Jahren versprach die Bundestagspräsidentin den DDR-Bürgern vor deren Beitritt zur BRD, dass die Renten auf bundesdeutsches Niveau angehoben werden würden. Und: Die Erfahrungen der älteren Arbeitnehmer seien für die Wirtschaft des Landes unersetzlich. Gleiches gelte für die Frauen. Diese hätten die Freiheit mit erstritten, seien aber in vielen Parteiprogrammen vergessen worden.

Neue Verhältnisse in der Hansestadt

„Wir wollen unseren gemeinsamen Erfolg. Und ich bin sicher, wir werden ihn auch erringen. Packen wir es an“, warb Rita Süßmuth weiter für die CDU. Eine neue Regierung werde die Verhältnisse im Land und in Salzwedel bestimmen, schwor sie die jubelnde Menge vor dem Kulturhaus weiter ein.

Der Volvo, mit dem die Bundestagspräsidentin kam, stammte aus der Fahrbereitschaft der DDR-Regierung.

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