Alexander Neureuter zieht weg: „Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl ..., nicht mehr sicher und behütet“

„Salzwedel, pass besser auf Dich auf!“

Der Journalist und Fotograf Alexander Neureuter aus Salzwedel kehrt der Hanse- und Baumkuchenstadt den Rücken. Er zieht weg. Zum Abschied blickt er noch einmal zurück:.

Leserpost

Geliebtes Salzwedel, vor mehr als 30 Jahren bin ich Deinem Charme erlegen und habe mich in Dich verliebt. Ich, ein jugendlicher „Wessi“ aus dem Wendland, der bei jedem Besuch mit viel Herzklopfen über die Grenztruppen-bewachte Grenze rollte. Du, eine Stadt mit so viel stolzer Geschichte, mit so viel Charme, mit so viel Potenzial. Deine Fachwerkgassen haben mich auf den ersten Blick mehr verzaubert als z. B. Deine Hanse-Schwestern Lüneburg, Stade oder Goslar.

Als Deutschland dann endlich wieder eins war, wollte auch ich nicht länger getrennt von Dir leben und habe mich in Deinem Herzen gegenüber der Mönchskirche niedergelassen. Ich habe mich wohlgefühlt bei Dir und danke Dir für die schöne Zeit: die vielen alteingesessenen Fachgeschäfte in der Burgstraße, die zahlreichen Restaurants, „Pumpe“ und „Löwenherz“, aber auch Dein Kulturhaus, das „Hanseat“ und den „Kinopalast“ habe ich stets bewundert - waren und sind sie doch Besuchermagneten weit über Salzwedel hinaus.

Doch Du hast Dich verändert, bist nicht nur stehen geblieben, sondern ich empfinde, Du fällst zurück. Die vielen leeren Läden in Deiner Innenstadt tun mir weh, die weiter und weiter verfallenden Häuser um und in der Altperverstraße machen mir Sorgen, die unbeleuchteten Straßen machen mir nachts Angst, die geschlossenen Diskos, die aufgegebenen Restaurants - ich fürchte fast, dass Du Dir abhanden kommst und Dich auflösen könntest.

Als ich einige Jahre in Amerika lebte und dort nachts durch die Straßen von New York oder Los Angeles ging, habe ich mich sicher gefühlt. Als ich danach jahrelang in Indien lebte, habe ich mich selbst in den Slums von Neu Delhi sicher gefühlt. Doch erst Deine betrunkenen Glatzköpfe und Kapuzen verhüllten Stiefelträger haben mich gelehrt, das Haus abends nie ohne Pfefferspray in der Tasche zu verlassen. Eine Erfahrung, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Über Hundehaufen, Unkraut überwucherte Verkehrsinseln und die allgegenwärtigen Schmierereien an Deinen Häusern will ich nicht reden, denn Du selbst kennst diese Probleme am besten.

Doch ich wusste, dass ich Dich verlassen muss, als Du vor Deinen Chaoten kapituliert und beschlossen hast, wegen dieser Vandalen keine Gastronomie auf Deinem neuen Rathausplatz einrichten zu können. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass Du immer noch zögerst, eine Überwachungskamera auf Deinem Rathausplatz anzubringen. Und auch am Bürgercenter, wo die drei bereits installierten Kameras keine verwertbaren Aufnahmen zu machen scheinen, hättest Du angesichts der jüngsten Brandstiftungen auf jeden Fall eine leistungsfähige Videoüberwachung dringend nötig. Und dazu nächtliche Streifengänge zu Fuß. Aber warum zögerst Du in diesen Dingen noch? Was muss noch passieren? Schau Dir die anderen Städte an, in denen U-Bahn-Schläger innerhalb weniger Stunden durch Videoaufnahmen identifiziert und dem Arm des Gesetzes zugeführt werden.

Ich bin mittlerweile müde, nachts durch Deine Sirenen aus dem Schlaf gerissen zu werden und aus meinem Fenster an der Mönchskirche die sinnlos gelegten Feuer zu beobachten. Und ich möchte auch morgens nicht mehr in der lähmenden Unsicherheit aufwachen, ob nächtliche Vandalen mein Auto zerkratzt oder gar abgefackelt haben. Und daher räume ich jetzt schweren Herzens meinen Logenplatz an der Mönchskirche, von dem ich in den letzten Monaten brennende Imbisswagen, rot-glühende Autos, hell lodernde Schuppen und neuerdings auch ganze Fachwerkhäuser in Schutt und Asche fallen sehen konnte. Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl bei Dir, fühle mich nicht mehr sicher und behütet – und daher muss ich gehen. Der Möbelwagen ist schon bestellt und wie ein Kloß sitzt mir die Trauer in der Kehle: Leb wohl, Salzwedel, und pass auf Dich auf! Oder besser noch: Pass besser auf Dich auf!

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Rubriklistenbild: © Heide

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