Corona-Sonderregelung: Gastronomen zweifeln am Sachverstand der Politiker

Salzwedel: Mindestens neun Schnitzel pro Stunde

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Annette Wnuck von Lipinski gehört Hotel „Siebeneichen“. Die Sonderregelungen für Gastronomen hält sie für unausgegoren. Ihr Restaurant bleibt auch nach dem 22. Mai zu – sie liefert Essen weiter außer Haus.

Salzwedel – Die Auflagen, unter denen Gastronomiebetriebe wieder öffnen können, seien viel zu hoch. Wer diese alle erfülle, zahle drauf, ist sich Annette Wnuck von Lipinski sicher.

Und schätzt das auch für fast alle altmärkischen Gastronomen so ein.

Die Inhaberin des Salzwedeler Hotels „Siebeneichen“ weiß, wovon sie spricht, denn sie war lange Jahre Vorsitzende des Kreisverbandes Salzwedel des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und engagiert sich dort immer noch. Ihr Restaurant wird sie weder zum 18. noch zum 22. Mai öffnen.

Die Wirtin macht eine simple Rechnung auf: Bei einem minimalen Personaleinsatz von einem Koch und zwei Servicekräften, dem Wareneinsatz und den Betriebskosten müssten pro Stunde 90 Euro – je Mitarbeiter 30 Euro – hereinkommen. Kurz gesagt: In jeder Stunde der gesamten Öffnungszeit müssten neun Schnitzel bestellt werden. Das wäre das Minimum. Damit sei noch kein Gewinn gemacht. Und auch eine zusätzliche Arbeitskraft, die jede Stunde die Türklinken desinfiziert, den Sanitärbereich ebenfalls, ist noch nicht mit eingerechnet. Dass Köche und Kellner während der gesamten Arbeitszeit unter Masken schwitzen müssen, ist das eine. Für die Gäste sei das Corona-Ambiente eher ein Hinderungsgrund, um wieder schick essen gehen zu wollen, sieht Annette Wnuck von Lipinski keinen Ansturm auf ihr Restaurant.

Zu den Auflagen hat sie eine ganz klare Meinung: „So ein Politiker sollte mal mein Geschäft hier führen. Dann sieht er, was er angerichtet hat. Ich mache inzwischen seinen Job und kassiere seine Diäten.“ Annette Wnuck von Lipinski versucht, ihren Betrieb durch die Corona-Krise zu bringen. Das ist ihr bisher einigermaßen gelungen. Mithilfe von Monteuren, die sie beherbergen darf, und einem viertägigen Außer-Haus-Service. „Gleich am Anfang kam ein Kunde mit einem Blumenstrauß und sagte: ,Damit ihr weiter durchhaltet‘“, ist die „Siebeneichen“-Chefin immer noch gerührt. Nach den ersten vier Wochen Zwangspause waren Zimmer und Gasträume renoviert. Auch die längste Inventur ist einmal zu Ende. Investitionen, für die nun Zeit wäre, verbieten sich, weil keiner weiß, wie lange das Geld zum Durchhalten noch reicht.

Annette Wnuck von Lipins-ki hält die pauschalen Sonderregelungen für unausgegoren. Eine Vor-Ort-Begehung, der ein auf den Betrieb zugeschnittenes Corona-Konzept folgt, wäre für die Gastronomin ein gangbarer Weg. So verfügt ihr Restaurant über eine Rauchabsauganlage, mehrere gut teilbare Räume, einen Biergarten und mehrere Zu- und Ausgangsmöglichkeiten, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch unter den derzeitigen Bedingungen bleibt ihr Restaurant erst einmal zu.

VON HOLGER BENECKE

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