In gutem Glauben 1972 gekauft / 2012 böses Erwachen / Von alten Karten falsch abgegriffen

Saling: „Ich fühle mich enteignet“

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Dort, wo Wolfgang Saling vor seinem Haus in Vitzke steht, verläuft nun eine Grundstücksgrenze in Richtung B 248. Das Land unter seinem Wohnzimmer gehört der Gemeinde Kuhfelde. Schuld daran ist ein Fehler beim Flächenabgriff aus Karten von vor 1930.

Vitzke. Sein Häuschen steht auf einer Fläche von 141 Quadratmetern. So hatte der Vitzker Wolfgang Saling es 1972 gekauft. Doch nun gehören ihm nur noch 101 Quadratmeter. Das teilte ihm das Landesamt für Vermessung und Geoinformation Sachsen-Anhalt mit.

Nicht ganz vier Wochen später erhielt er bereits einen Bescheid vom Grundbuchamt, dass die 40 Quadratmeter aus seinem Eigentum ausgetragen worden sind.

Die Grundstücksgrenze geht nun durch sein Haus. Hintergrund sind alte Kartierungen, die bis ins Jahr 1865 zurückreichen. Damals wurden die Flächen mittels Kurvimeter aus den Karten abgegriffen – für Steuerzwecke. Durch diese Messmethode waren Fehler vorprogrammiert. Denn bereits 1910 stellte das höchste deutsche Gericht fest, dass sich die Eigentümer nicht auf die so ermittelten Flächen verlassen können.

Nun ist das Landesamt für Vermessung und Geoinformation dabei, Karten mit Stand von 1927/1929 auf den neuesten Stand zu bringen. Eines der Opfer: der Vitzker Wolfgang Saling. Seine einzige Chance: klagen. Mit einer gegen Null gehenden Aussicht auf Erfolg. Klagen will Saling aber nicht, sondern eine gütliche Einigung. Denn er hat sein Grundstück 1972 guten Glaubens als Ganzes gekauft.

Peter Porstendörfer, Pressesprecher und Funktionalbereichsleiter beim Landesamt für Vermessung und Geoinformation, lenkt ein: „Die 40 Quadratmeter kann ich so nicht erklären.“ Fakt ist aber, dass diese Fläche nach den alten Karten von vor 1930, auf die das Amt nun seine fortlaufenden Berichtigungen aufbaut, nicht zu Salings Grundstück gehört. Das zeigen alte Karten und neue Luftbilder. Verkauft wurde es ihm 1972 jedoch als Ganzes.

„Nur die Buchfläche ist von 141 auf 101 Quadratmeter geschrumpft“, erläuterte Peter Porstendörfer. Und weiter: „Rein rechtlich hat der Grundstücksüberbau zur Bundesstraße hin Bestand, kann auch nicht abegrissen werden.“ Salings Haus liegt direkt neben der B 248. Als die Straße Ende der 1920er Jahre verbreitert wurde, sind auch die letzten Vermessungen gemacht worden. Die B 248, die um 1903 gebaut worden ist, ging direkt durch den Hof, dessen Wohnhaus Wolgang Saling gehört. Der Stall liegt auf der anderen Seite. Und die Straße rückte immer näher an die Gebäude. Denn auch zu DDR-Zeiten wurde die B 248 noch einmal verbreitert. Dem fiel damals auch ein Sommerweg direkt entlang der Vitzker Häuser zum Opfer.

Besagte 40 Quadratmeter kommen aus der „damaligen ungenauen Messung oder Rechenfehler zusammen“, spricht Porstendörfer das Abgreifen der Flächen von den Karten von vor 1930 an. Dadurch steht nun die südöstliche Ecke des bereits vor der Bundesstraße vorhandenen Hofes auf dem Straßengrundstück. Und das gehört der Gemeinde Kuhfelde. Diese hatte das Landesamt für Vermessung und Geoinformation auch beauftragt, den gesamten Straßenverlauf zu berichtigen.

Eine Chance für Wolfgang Saling, der nun in seinem Wohnzimmer die Gemeinde mit am Tisch hat, ist, die 40 Quadratmeter von der Kommune zu kaufen. Doch dafür würden allein für die Vermessungs- und Notarkosten schnell ein paar tausend Euro zusammenkommen. Und Saling sieht nicht, dass er irgendetwas falsch gemacht habe. „Ich fühle mich enteignet“, so der Vitzker. Auch Salings Nachbar ist in einer ähnlichen Lage.

„Es ist ein bisschen dumm gelaufen“, schätzt Pressesprecher Porstendörfer ein. Er bot dem Vitzker an, sich in der Stendaler Außenstelle seines Amtes die Karten noch einmal anzusehen. Ändern wird das an der Lage aber nichts. Die Gemeinde steht nämlich schon im Grundbuch.

Von Holger Benecke

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