Drei Bands legen im Kulturhaus los und lieferten Hits aus den 1970er Jahren am laufenden Band

Rockpalast statt SED: „Damals wars“

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Bob Bradbury von Hello (Mitte) steht mit 62 Jahren immer noch auf der Rock-Bühne. Handwerklich gab es nichts zu nörgeln. Auch die Solis kamen perfekt von den Bühnenbrettern gesegelt.

Salzwedel. Drei Bands öffneten am Freitagabend ihren Hitkoffer im Salzwedeler Kulturhaus. Die Besucherzahl in der Veranstaltungsreihe „Damals wars“ scheint rückläufig. Wie überall in der Live-Musikszene ist das Publikum nur schwer in die Konzerthallen zu locken.

Später gab es Autogramme im Kulti-Foyer: Hier stößt Bob Bradbury mit zwei Hamburgern an, die zu jeder Oldie-Veranstaltung nach Salzwedel kommen und jede Menge Spaß haben.

Die Gruppen, die sich sicher ein volleres Kulturhaus gewünscht hätten, gingen mit dem quantitativen Problem gut um und geizten nicht mit ihrem Können. Den Anfang machten die Hamburger The Rattles und nahmen die Gäste mit auf eine Reise in die Zeit des Hamburger Star-Clubs – ganz ohne Reisepasskontrolle. Ob eine musikhistorische Hommage an Urlegende Tony Sheridan mit „My boney is over the ocean“, der 60er-Jahre-Überhit „Come one and sing“ oder ihrem größten Erfolg „The Witch“, der es damals in die US-Hitlisten schaffte. Viele „Yeahs“ und Mitsingen des Publikums – die Stimmung der rund 200 Besucher war gut.

Nach einer kurzen Beschnupperungsphase hatten die Bands das Publikum mit ihrem Hitmix voll auf ihrer Seite. Da kamen bei so manchem Besucher Erinnerungen auf, als noch die Connys um Claus Riehn, Jürgen Henninger und Klaus Paasch oder die Gruppe Simplex im „Schwarzen Adler“ zum Tanzabend lockten und internationale Gassenhauer spielten.

1975, in einer Zeit als die Chemiewerk-Disko in Salzwedel Hochkonjunktur hatte, enterten die Mannen um Bob Bradbury von Hello im fernen England hinter dem eisigen Vorhang der Systeme die Hitlisten, mit „Tell him“ und „New York Groove“. Bob Bradbury hat heute mit 62 Jahren immer noch Spaß, seine Songs in neuen Varianten mit Elan dem Publikum zu servieren. Außer ihm ist zwar kein Originalmitglied mehr dabei, dafür sein Sohn Jake Bradbury am Schlagzeug. Das gab der gezeigten Leistung nochmals Auftrieb.

Eröffnet wurde das Hello-Set mit dem Suzi-Quatro-Tanzflächenfeger „Can the can“. Quatro war vor ein paar Jahren bereits auf der Bühne im Burggarten zu erleben und so zumindest musikalisch mal wieder in der Hansestadt zu hören. Der Zug für solche Events scheint abzufahren. Im nächsten Jahr wird es die vorerst letzte Veranstaltung der Reihe „Damals wars“ geben. Auch in diesem Jahr wurde die Show schon nicht mehr von Muck moderiert.

Die Musiker der damaligen Zeit kommen genau wie ihr Publikum in die Jahre, in denen es nicht mehr so einfach ist, um diesen Marathon von 30 Konzertterminen durchzuhalten – wie zum Beispiel Middle of the Road.

Zum Abschluss kam in Salzwedel die Band T. Rex, die dem am 16. September 1977 verstorbenen Marc Bolan huldigte. Songs wie „Telegram Sam“ und „Children of the revolution“ sorgten noch einmal für gute Stimmung, wenn auch die Stimme des Sängers nicht wirklich an Marc Bolan erinnerte. Dem kommt die Coverband T. Rextasy in Aussehen und Stimme weitaus näher.

Guter Sound und eine feine Lichtshow sorgten aber für einen abwechselungsreichen Abend und entführten die Fans in eine längst vergangene Zeit, als Apfelshampoo und Nietenhosen Hochkonjunktur hatten und Rockpalast-Sendungen im Westfernsehen, frenetischer als SED-Parteitage bejubelt wurden.

So mancher Gast nutzte die Möglichkeit, sich ein Autogramm auf die alte Amiga-Schallplatte oder das Bravoposter schreiben zu lassen, um seinem Jugendtraum von damals ein Stück näher zu kommen.

Von Bernd Zahn

Hits aus den 1970er Jahren: Drei Bands im Kulturhaus

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