Reinhard Krüger aus Salzwedel erinnert sich an seine Arbeit als Landwirt

„Ohne Auto kann man leben, aber nicht ohne Essen“

Mähdrescher und Fahrer
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Mähdrescherfahrer in der DDR. Das Bild gehört zu den Erinnerungen, die Reinhard Krüger an seine Tätigkeit als Landwirt hat.
  • Christian Reuter
    VonChristian Reuter
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„Die Abgänger der Fachschule für Landwirtschaft Klötze ,Dr. Schultz-Lupitz’, die in diesem Jahr seit 57 Jahren immer vollzählig das Klassentreffen feiern, haben in ihren 80 Lebensjahren vier politische und wirtschaftliche Umwälzungen erlebt“, berichtet der Salzwedeler und ehemalige Landwirt, Reinhard Krüger. Und weiter: „Wir alle sind im Weltkrieg in den Jahren 1938 bis 1941 geboren. Die Kriegsjahre wurden im kindlichen Alter erlebt und so auch aufgenommen und gedanklich verarbeitet.“

Salzwedel. Die Absolventen der Fachschule in Klötze seien zum größten Teil Söhne und Töchter privater Landwirtschaftsbetriebe gewesen, somit gesetzliche Erben ihrer elternlicher Bauernhöfe. Viele der Bauernhöfe waren ohne männliche Bauern, da die Männer und auch ältere Söhne im Krieg gefallen waren. „So war unsere Generation die Hoffnung der bestehenden landwirtschaftlichen Betriebe, diese einmal zu übernehmen, sobald wir das Alter erreicht haben“, erinnert sich Krüger zurück.

Bauernhöfe, die bis zum Jahr 1959/1960 noch erhalten geblieben waren, seien bis 1960 zwangskollektiviert worden. Es sei vielen sehr schlecht gegangen, da die Abgaben an den Staat und die vorhandene Technik keine wirtschaftlichen Erfolge zugelassen hätten.

Bis 1960 seien in den privaten Betrieben fast alle Feld- und Transportarbeiten mit Pferdekraft bewerkstelligt worden. Auch die Handarbeitsgeräte hatten sich seit hunderten Jahren kaum verändert. Krüger: „Selbst Eisenbahnwaggons wurden mit Kartoffel- oder Rübenforke und Muskelkraft be- und entladen.“ Die Industrie sei nicht in der Lage gewesen, die Bedürfnisse der Landwirtschaft nach dem Krieg zu erfüllen. Um die Versorgung mit Lebensmitteln zu verbessern, habe der Staat selbst Industriearbeiter aufs Land geschickt, allerdings mit wenig Erfolg.

„Eine Erleichterung bei der Unkrautbekämpfung durch Pflanzenschutzmittel war noch in der Erforschung, und dieser Engpass blieb bis zum Ende der DDR“, blickt der Salzwedeler zurück. Doch trotz großer Schwierigkeiten habe sich die Landwirtschaft erholt, und die Versorgung habe sich verbessert. Dann sei 1960 die Kollektivierung gekommen.

Bis 1960 wurden in den privaten Betrieben fast alle Feld- und Transportarbeiten mit Pferdekraft bewerkstelligt.

Nachdem 1945 die Großbauern enteignet worden waren, das Land auf Umsiedler und Kleinbauern vergeben worden war, sei es denen, die Land von der Bodenreform erhalten hatten, nun auch nicht anders ergangen, erzählt Reinhard Krüger. „Geblieben war das schwierige Erhalten ihrer Häuser und leer stehenden Stallungen. Diese Aufgabe wurde mit Herzblut zur Heimat gemeistert und hatte zum Ergebnis, dass das Aussehen der stolzen altmärkischen Dörfer erhalten blieb.“

Vor den in die Genossenschaft eingetretenen Bauernsöhnen und Töchtern habe die Frage gestanden, wie es in Zukunft weitergehen soll. Denn Bauernhöfe im herkömmlichen Sinn habe es damals nicht mehr gegeben.

Nie wieder habe die Fachschule in Klötze so viele Studienanträge registriert wie im Jahr 1960. Eine Abwanderung aus der Altmark habe damals von den 52 Bewerbern keiner in Erwägung gezogen. „Dass alle hiergeblieben sind, beweist seit 57 Jahren unser Klassentreffen. Wer noch lebt und einigermaßen gesund ist, der kommt“, erzählt Krüger.

Nach Abschluss des Studiums sei der allgegenwärtige Einsatz als Leitungskader in der LPG erfolgt, in die ihre Höfe oft integriert waren. Eine bodenständige Verbindung zum Land und Boden der Altmark.

„Unsere Ehre zum Beruf und Freude an diesem hat uns beflügelt, immer das Höchstmögliche aus Pflanzen- und Tierproduktion zu erwirtschaften. Es waren nicht die parteilichen Anordnungen oder die Propaganda. Wir wussten, dass man ohne Autos leben kann, aber nicht ohne Essen“, berichtet der ehemalige Landwirt. Die kleine DDR habe Kartoffeln sogar bis nach Moskau und Kuba geliefert.

Mit der Wende sei dann für alle wieder eine Umstellung gekommen. Menschen seien in der Landwirtschaft durch eine enorme Mechanisierung der Arbeiten und effektivere Pflanzenschutzmittel nur noch sehr wenig benötigt worden. Die alten Bauernhöfe hätten nur noch als Gebäudekomplex bestanden, und die ehemaligen Leitungskader der sozialistischen Landwirtschaft seien mit 50 Lebensjahren kaum noch gebraucht worden.

Es habe nur noch die Möglichkeit bestanden, selbstständig einen Betrieb zu gründen oder die LPG als GbR weiter zu erhalten. Jeder musste nun seine Möglichkeiten suchen.

„Heute sind wir alle Rentner und wünschen unseren Nachkommen, sofern sie noch in der Landwirtschaft tätig sind, ruhige Arbeitsjahre mit weniger Auf und Ab in ihrem Leben. Leider sieht es im Moment nicht danach aus. Die Bauern werden immer weniger, und die Stimmen zählen bei keiner Wahl“, sagt Reinhard Krüger.

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