Rechte Schmierereien im alten Grenzturm

Düsteres Relikt: Das marode Grenzdenkmal in Dahrendorf ist ein gefährlicher Spielplatz und ein illegaler Jugendtreff.

Dahrendorf. Wie ein düsteres, graues Relikt aus einer anderen Zeit ragt der ehemalige Grenzturm zwischen Dahrendorf in Sachsen-Anhalt und dem niedersächsischen Harpe aus den Feldern der flachen Landschaft.

Aus den schlitzäugigen Stahlluken des dreigeschossigen Gebäudes konnten einst die DDR-Grenzer gen Westen und in alle übrigen Himmelsrichtungen spähen. Der unzerstörbar wirkende Betonturm bei Dahrendorf ist als Teil der ehemaligen Grenzanlagen eigentlich ein historisches Denkmal. Denn von den insgesamt einst 434 Türmen an der 1393 Kilometer langen innerdeutschen Grenze stehen heute nur noch wenige. Doch der Turm in Dahrendorf ist in einem beklagenswerten Zustand: Sämtliche Fensterscheiben sind zerschlagen, die original Stahltreppen abmontiert. Stattdessen führen dort wacklige Holzleitern vom Typ „Jägerhochsitz“ zu den Etagen, von denen einige baufällig sind oder Sprossen fehlen.

„In dem Grenzturm geht regelmäßig die Post ab“

Das marode Grenzdenkmal in Dahrendorf ist ein gefährlicher Spielplatz und ein illegaler Jugendclub. Zudem ist es voll von rechten Schmierereien an den Wänden: Hakenkreuz, SS-Zeichen, „NPD“ und „HDR“ für „Heiliges Deutsches Reich“. Dazu gleich in der ersten Etage antisemitische Beschimpfungen, die sich offenbar gegen gewisse Jugendliche richten: „… sind kleine Judenkinder, die man nach Auschwitz …“. Dagegen sind „DDR = Das Deutsche Reich“, „Landser 4ever“, „Pro Raucher“ oder „Soffel liebt Tanja“ eher harmlos.

„In dem alten Grenzturm geht regelmäßig die Post ab“, vertraute eine Schülerin aus der Dährer Sekundarschule der Altmark-Zeitung insgeheim an. Und in der Tat: In dem Gebäude riecht es nach Urin. In der ehemaligen Teeküche wurde gekokelt. Ein Seidenstrumpf liegt am Boden. Der Keller ist nicht mehr zugänglich, aber als offenes Loch kreuzgefährlich. Besorgte Anwohner möchten sich nicht ausmalen, was spielenden Kindern dort alles zustoßen kann. Denn: Der Turm ist für Jedermann frei zugänglich.

Der Eigentümer des Grundstücks, Uwe Schenk aus Deutschhorst, wollte das Gebäude eigentlich als Grenzdenkmal für interessierte Besucher offen lassen. Von den Schmierereien wusste er nichts: „Ich schau mir das jetzt mal an und kümmere mich. Die Gefahren waren mir bislang nicht bewusst“, sagte Schenk der AZ.

„Todesturm“ bisweilen unheimlich

Nach der Wende interessierte sich Jagdpächter Klaus Häufle aus Kappeln bei Schleswig für das Objekt und nahm Kontakt zum Bundesvermögensamt auf: „Ich wollte den Turm als Jagdhütte mit Notstromaggregat umbauen, aber den ursprünglichen Charakter bewahren. Doch nachdem dort die dritte Stahltür mit Brecheisen aufgebrochen wurde, ließ ich die Pläne sausen.“ Auch Jagdaufseher Reinhard Scheffler war lange nicht im Turm, will mal wieder nach dem Rechten sehen.

Von dem düsteren Gebäude sagt man nicht ohne Grund, dass es dort zuweilen unheimlich ist. Denn: Kurz nach der Wende erhängte sich im „Todesturm“ ein Mann. „Davor soll sich hier ein Grenzer mit seiner Dienstpistole erschossen haben“, weiß Diet-rich-Wilhelm Ritzmann vom Grenzlandmuseum Göhr bei Schnega. „Offenbar muss dieser zweite Fall von der zuständigen Dienststelle geheim gehalten worden sein, denn er ist mir bislang nicht zu Ohren gekommen“, meint der pensionierte Polizist Bernd Borchert aus Höddelsen, der einst im Dahrendorfer Grenzabschnitt Dienst schob.

Von Kai Zuber

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