Angeklagte: „Ich war unzufrieden mit meinem Leben“

Fast 100.000 Euro Schaden: Prozess wegen Veruntreuung vor Amtsgericht Salzwedel

Zwei Hände halten ein Strafgesetzbuch.
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Vom Amtsgericht Salzwedel wurde am Dienstag eine 62 Jahre alte Frau wegen Unterschlagung von 97.800 Euro zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.
  • Christian Reuter
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Eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf fünf Jahre zur Bewährung, dazu die Wiedergutmachung des entstandenen Schadens von 97.800 Euro: So lautet das Urteil, das am Dienstag vor dem Salzwedeler Amtsgericht gegen eine ehemalige Finanzbuchhalterin des Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gesprochen wurde.

Der 62-jährigen Frau aus der Verbandsgemeinde Beetzendorf-Diesdorf war vorgeworfen worden, im Zeitraum von 2016 bis 2018 in 57 Fällen Geld aus der Vereinskasse für private Zwecke entnommen zu haben (AZ berichtete). Beim Prozessauftakt am 9. März hatte die Angeklagte kein Wort gesagt.

Deshalb war für die zweite Verhandlung am 16. März ein vollumfängliches Geständnis der ehemaligen Buchhalterin angekündigt worden. Und das gab es dann am Dienstag auch, überwiegend vorgetragen von ihrem Anwalt Reiner Wilkens.

Beim DRK-Kreisverband Salzwedel habe sie 2009 angefangen zu arbeiten. Der Verein habe eine geringfügig Beschäftigte gesucht, es sollte sich nicht um eine buchhalterische Tätigkeit handeln. Unter dieser Voraussetzung habe sie dem Arbeitsvertrag auch zugestimmt. Im zugesandten Vertrag sei dann aber doch der Aufgabenbereich als Buchhalterin beschrieben worden, führte der Verteidiger aus.

Die 62-Jährige habe daraufhin die damalige DRK-Vorstandsvorsitzende angerufen. Diese habe gewusst, dass gegen die Frau noch ein Ermittlungsverfahren läuft. Die Angeklagte habe dann den Arbeitsvertrag unterschrieben. Die geringfügige Beschäftigung sei im Laufe der Zeit in eine Vollzeitbeschäftigung umgewandelt worden.

Das Kassenbuch sei als Excel-Tabelle geführt worden, von der Vorstandsvorsitzenden und auch Auszubildenden. Dort seien sämtliche Finanzbewegungen eingetragen worden.

„Mehrere Personen hatten Zugang zur Kontokarte, die PIN war allgemein bekannt“, sagte Wilkens im Auftrag seiner Mandantin. Die Angeklagte habe auch selbst Botengänge zur Sparkasse gemacht und Geld abgeholt.

„Ich will reinen Tisch machen: Es ist klar, dass ich Beträge unterschlagen habe“, ließ die 62-Jährige über ihren Anwalt ausrichten. Heute wisse sie aber nicht mehr, ob die in der Anklageschrift genannten 97.800 Euro so stimmen würden. „Ich war selbst erschrocken bei der Nennung der Summe“, so die Aussage der Frau.

Sie wolle nichts beschönigen. „Ich weiß, dass ich schwere Schuld auf mich geladen habe, mir tut es sehr leid. Ich würde es gerne ungeschehen machen.“ Sie habe dem DRK bereits 60.000 Euro als Schadenswiedergutmachung zugesagt, verlas der Anwalt das Geständnis seiner Mandantin.

Sie habe sich aus dem öffentlichen Leben vollständig zurückgezogen und fühle sich so leer und ausgebrannt, dass sie nicht mehr arbeiten könne. Sie habe einen Rentenantrag gestellt und erwarte eine Zahlung von 1.200 bis 1.400 Euro im Monat. Der Verkauf des eigenen Hauses werde nicht reichen, um den Schaden zu begleichen, denn die Immobilie sei mit Schulden belastet.

Doch warum hob die heute 62-Jährige immer wieder Geld vom DRK-Konto für ihre privaten Zwecke ab, meist Beträge von 1.000 oder 2.000 Euro? Einen Teil des Geldes habe sie in den Haushalt gesteckt, obwohl das Familieneinkommen eigentlich hätte reichen müssen. „Ich war unzufrieden mit meinem Leben und habe angefangen zu spielen. Das hat zu den Taten beigetragen“, gestand die Angeklagte.

Sie habe regelmäßig für jeweils mehrere Stunden in Spielcasinos gesessen, so in Braunschweig und Wolfsburg und dabei „erhebliche Beträge verloren, sicherlich schon mehrere 10.000 Euro“.

Nach einer kurzen Sitzungspause fragte der Richter Dr. Klaus Hüttermann die Angeklagte, warum sie denn 27 Konten besitze (15 eigene, neun weitere gemeinsam mit dem Ehemann und für drei Konten des Sohnes verfügungsberechtigt). „Das war Missmanagement“, antwortete der Verteidiger.

In der Verhandlung wurde auch bekannt, dass die 62-Jährige schon einmal wegen Veruntreuung vor dem Salzwedeler Amtsgericht stand. Am 8. März 2010 war sie zu einer Strafe von einem Jahr und zwei Monaten, auf zwei Jahre Bewährung ausgesetzt, verurteilt worden. Damals musste sie 4.000 Euro zurückzahlen.

Die Staatsanwältin beantragte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, nochmals ausgesetzt zur Bewährung und einen vollständigen Schadenersatz. Dem Verteidiger war dies zu viel. Er bat darum, nur 60.000 Euro zurückzahlen zu müssen und wollte nur zwei Jahre Bewährung.

Aber das Schöffengericht unter Vorsitz von Dr. Hüttermann folgte dem nicht und verurteilte die Frau wegen gewerbsmäßiger Veruntreuung in 57 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, bei fünf Jahren Bewährung. Den Schaden von 97.800 Euro muss sie vollständig zurückzahlen. Zudem muss die Frau die gesamten Prozesskosten, auch die der Nebenklage, bezahlen.

Rechtsmittel wie Berufung oder Revision können noch eingelegt werden.

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