IM GERICHT: 50-Jähriger 2018 überfahren

Prozess wegen fährlässiger Tötung in Salzwedel: „Er fehlt mir so sehr – jeden Tag“

Die Ausfahrt des Autohauses an der Straße Vor dem Lüchower Tor in Salzwedel: Dort ereignete sich im Dezember 2018 ein Unfall, bei dem ein 50-Jähriger ums Leben kam. Gestern ging der Fall im Gericht in die erste Runde.
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Die Ausfahrt des Autohauses an der Straße Vor dem Lüchower Tor in Salzwedel: Dort ereignete sich im Dezember 2018 ein Unfall, bei dem ein 50-Jähriger ums Leben kam. Gestern ging der Fall im Gericht in die erste Runde.

Salzwedel – Im Salzwedeler Amtsgericht musste sich gestern ein 26-Jähriger wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Eine mögliche Einstellung des Falls stand im Raum, blieb jedoch erst einmal aus.

So sollen das Urteil oder eben eine mögliche Einstellung beim Fortsetzungstermin geklärt werden.

Was war passiert? Der 26-jährige Angeklagte war am 21. Dezember 2018 auf seiner Runde als Paketzusteller beim Nissan-Autohaus, Vor dem Lüchower Tor 15, in Salzwedel gewesen. Kurz nach 13 Uhr wollte der Beschuldigte mit dem Transporter, ein Fiat Dukato, aus der Ausfahrt des Autohauses fahren. Dabei übersah er einen 50-jährigen Fahrradfahrer und erfasste ihn. Dieser erlag einen Tag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Anklage: Wenn er nur richtig geguckt hätte

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 26-Jährigen nun vor, dass es nicht zum Unfall gekommen wäre, hätte sich dieser „richtig umgeguckt“. „Ich habe nach links und rechts geschaut, aber niemanden gesehen“, verteidigte sich der Angeklagte. Weiter: „Stück für Stück bin ich rausgefahren, damit ich etwas sehen konnte.“ Die Tränen konnte der ehemalige Paketfahrer nun nicht mehr zurückhalten. Er habe damals keinen Schrei vernommen. Nur ein komisches Geräusch, woraufhin er ausgestiegen sei und den Radfahrer unter dem Auto liegen sah.

Ein Zeuge nach dem anderen wurde gestern befragt. Der Zweite brachte mit seiner Aussage das meiste Licht ins Dunkel. Der 50-jährige Zeuge war zur Tatzeit von einer Weihnachtsfeier am Kristallweg zurückgekommen. Schon ab der Unterführung von der Hoyersburger Straße habe er den Trubel am Unfallort wahrgenommen. Den Unfall selbst hatte er zwar nicht gesehen, konnte Richter und Staatsanwältin jedoch den Unfallort genauestens beschreiben. „Das Fahrrad lag zwischen den Achsen auf der Beifahrerseite. Der Fahrer war unter Schock und der Mann unter dem Auto nicht ansprechbar“, beschrieb der 50-Jährige die Situation. Während das Rad auf der Beifahrerseite gelegen habe, sei das Opfer vorne unter dem Transporter zum Liegen gekommen. Das Wetter sei nass, kalt und windig gewesen. Die anderen Zeugen bestätigten, dass das Opfer nicht ansprechbar war und der Angeklagte unter Schock gestanden hatte. Doch keiner der Zeugen hatte den Unfall selbst gesehen. Ein Polizist, der als Zeuge vor dem Richter saß, berichtete, dass der Transporter mit einem Wagenheber aufgebockt werden musste, um das Opfer darunter befreien zu können.

Unklarer Unfallhergang

Wichtig für den Prozess war gestern, aus welcher Richtung das 50-jährige Opfer gekommen war. Da dies aber keiner der Zeugen gesehen hatte, sollte das der anwesende Sachverständige anhand der Aussagen, Akten und dem Bericht seines Kollegen von damals beurteilen. Das Problem: Ein Zeuge hatte das Fahrrad unter dem Fiat Dukato hervorgezogen und zur Seite gestellt, bevor die Polizei eingetroffen war. Außerdem unterscheiden sich die Aussagen der Zeugen in Bezug darauf, wie weit und wie herum das Rad unter dem Auto gelegen hatte. Der Sachverständige war sich jedoch sicher, der Radler war aus Richtung Stadt gekommen und somit auf der falschen Seite gefahren.

Der Ablauf aus der Sicht des Gutachters: „Es gab so gut wie keine Beschädigung am Fahrzeug und am Fahrrad“, fasste er zusammen. Das Schutzblech vorne am Rad sei etwas verbogen und die linke Seite des Rahmens eingedrückt gewesen. Seine Schlussfolgerung: Der Radler hatte versucht, dem Fiat auszuweichen und sei dabei entweder über den Lenker geflogen oder das Rad beim Sturz durch das Abbremsen – nasses Laub lag auf dem Weg – beiseitegeschlittert. Das Fahrrad sei also nicht unter den Transporter geraten. Weshalb auch kaum Beschädigungen vorhanden waren. Einer Sache war er sich außerdem sicher: Der Angeklagte hatte sich nicht vorgetastet, sondern sei normal angefahren. „Das aber wäre das Mittel gewesen, um den Unfall zu vermeiden“, schloss der Sachverständige den Bericht.

Richter Klaus Hüttermann warf die Möglichkeit einer Verfahrenseinstellung in den Raum, auch die Staatsanwältin schloss diese Option nicht aus. Doch die Mutter des Verstorbenen verdeutlichte den Anwesenden: „Er war immer für mich da. Ich bin lungenkrank, und mein Sohn hat sich um mich gekümmert. Er fehlt mir so sehr – jeden Tag.“ Nach diesen Worten beschloss der Richter, mit dem Urteil noch zu warten. VON LYDIA ZAHN

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