„Die Anschuldigungen stimmen“

Prozess am Landgericht Stendal: Angeklagte legen Details zum Drogenversand in Salzwedel offen

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Die Angeklagten Nummer 3 (l.), 6 (r.) und 7 sagten am ersten Prozesstag in Stendal aus. Die Öffentlichkeit erfuhr Näheres über die Art und Weise, wie der Online-Drogenhandel in Salzwedel funktionierte.

Stendal / Salzwedel – In drei Reihen sitzen die Angeklagten am Mittwochvormittag in Saal 218 des Stendaler Landgerichts.

Fünf von ihnen werden mit Handschellen herein- und wieder herausgeführt; vier sitzen seit einiger Zeit in der Justizvollzugsanstalt Burg und einer im Jugendarrest. Die übrigen beiden dürfen sich ohne Handschellen bewegen. Flankiert werden sie von einer großen Anzahl Strafverteidiger; zwei der Angeklagten haben gleich drei zur Seite.

Geständnis

Angeklagter Nummer 3 ist als Erster an der Reihe. „Die Anschuldigungen stimmen soweit“, sagt er ins Mikrofon. Die Anschuldigungen gegen die Sieben wiegen schwer. Zwischen Juli 2017 und April dieses Jahres sollen sie als Bande illegal mit Drogen und Medikamenten gehandelt haben. Die Onlineplattform hieß „Kleiner Pulvershop“. Hinzu kommt der Verkauf an Minderjährige.

Angeheuert

Nummer 3, ein 22-Jähriger ohne festen Wohnsitz, aber meist in Salzwedel lebend, war derjenige, der zwischen November 2018 und Februar 2019 für Transport, Verpacken und Versand der Drogen zuständig gewesen war. Im September 2018 sei ein Bekannter, der Angeklagte Nummer 4, auf ihn zugekommen und hätte ihm einen Job angeboten. Worum es ging: Drogen mit der Post zu verschicken. Am 1. November sollte es losgehen. Die ersten Tage wird er von einigen der anderen Angeklagten eingewiesen. Der Verdienst: fünf Euro pro Brief plus die Restbestände. 40 bis 60 Sendungen sind es pro Tag.

Jeden Morgen ab 5 Uhr

Umschlagplatz ist die Wohnung des Angeklagten Nummer 5 an der Goethestraße in Salzwedel. Den „Pulvershop“ gibt es schon länger, vorher wurde jedoch auch von Magdeburg aus versendet. Jeden Morgen ab 5 Uhr, auch am Wochenende, soll der 22-Jährige zur Goethestraße kommen und die Bestellungen, die über das sogenannte Darknet eingegangen sind, bearbeiten. Im ersten Monat gibt es noch eine zweite Schicht am Nachmittag. Er erhält Adressen und Mengen, wiegt alles ab und tütet es ein. Die Briefe bringt er in jeweils wechselnde Städte zu Postkästen.

Drogenfahrten

Weil er anfangs noch keinen Führerschein hat, bekommt der Angeklagte Nummer 3 als Vorschuss 2000 Euro. Nach bestandener Fahrprüfung soll er nämlich die frische Ware selbst aus Magdeburg abholen. In den Kartons befindet sich meist rund ein Kilogramm Marihuana, dazu Haschisch und ab und zu in Dosen – zumeist einhundert Gramm – Kokain, Heroin oder Crystal Meth. Auch Ecstacy-Pillen, LSD-Trips und Medikamente können Bestandteil einer Lieferung sein. Über alles muss er eine Inventurliste führen; Treffen mit seinem Chef (Angeklagter Nummer 1) gibt es an einer Tankstelle in Lüchow oder an einer Apotheke in Bergen / Dumme.

Zur Schwester

Doch im Februar will der 22-Jährige aussteigen. Auch die Wohnung des Angeklagten Nummer 5 an der Goethestraße steht nicht mehr zur Verfügung, weil dieser seine Miete nicht mehr bezahlen kann. Die Ware kommt für zwei Wochen nach Langen-apel, ehe der 22-Jährige die Kartons in der Wohnung seiner Schwester (Angeklagte Nummer 6) und deren Freund (Nummer 7) an der Wollweberstraße in Salzwedel unterstellt und für die letzte Zeit vor seinem Ausstieg von dort weitermacht.

Razzia und Festnahme

Die Schwester und der Freund ahnen anfangs nichts, sagen sie vor Gericht aus. Aber alle haben dasselbe Problem: Sie sind Drogen gegenüber nicht abgeneigt. Beide helfen später in mindestens einem Fall beim Verpacken bzw. Abwiegen mit. Auch bei Kurierfahrten nach Magdeburg sind sie mit dabei. Am 21. Februar durchsucht die Polizei die Wohnung, stellt große Mengen Drogen sicher und nimmt die drei fest. Ende April folgt der nächste Schlag, diesmal gegen die Hintermänner.

VON JENS HEYMANN

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Wie geht es im Drogenprozess weiter?

Der zweite Verhandlungstag fand am gestrigen Freitag vor dem Landgericht Stendal statt. Der dritte Verhandlungstag ist für Freitag, 25. Oktober, angesetzt. Weitere Termine folgen höchstwahrscheinlich im November. Prozessort ist Saal 218 des Stendaler Landgerichts. Beginn jeweils um 9 Uhr. Die Verhandlungen sind öffentlich. Besucher müssen durch mehrere Sicherheitskontrollen.

Wer sind die Sieben?

1. Angeklagter: ein 32-jähriger gebürtiger Salzwedeler, zuletzt wohnhaft in Clenze; gilt als Kopf und Initiator des Online-Drogenhandels.

2. Angeklagter: ein 30-jähriger gebürtiger Berliner, zuletzt wohnhaft in Magdeburg; hat die Drogen beschafft.

3. Angeklagter: ein 22-jähriger gebürtiger Uelzener, zuletzt ohne festen Wohnsitz; wurde angeheuert, um die Drogen zu holen, zu verpacken und zu versenden.

4. Angeklagter: ein 26-jähriger gebürtiger Salzwedeler, zuletzt wohnhaft in Salzwedel; soll der Anwerber und Koordinator gewesen sein.

5. Angeklagter: ein 21-jähriger gebürtiger Ascherslebener, zuletzt wohnhaft in Salzwedel; stellte seine Wohnung zur Verfügung.

6. & 7. Angeklagte: eine 21-jährige gebürtige Uelzenerin und ihr 21-jähriger Freund (Salzwedel); beide zuletzt wohnhaft in Salzwedel; die Frau ist Schwester des Angeklagten 3; beide haben ihre Wohnung hergegeben.


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