„Ich möchte meine Mutti wieder einmal in die Arme nehmen“

Pandemie zerstört Menschlichkeit

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Petra Matthias darf ihre Mutter nur für eine halbe Stunde pro Woche besuchen. Vor Kummer hat sie über zwölf Kilogramm abgenommen.
  • Holger Benecke
    vonHolger Benecke
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Corona – die Pandemie ist schlimm genug, doch für die Alten, die in den Salzwedeler Pflegeheimen sitzen, ist es der Horror. Petra Matthias erlebt das gerade am eigenen Leib. Besser gesagt am Leib ihrer Mutter. Die 83-jährige Rosemarie Sebastian ist durch die Pandemie von einer Kleidergröße 42 auf die traumhaften Modelmaße der 34 herunter. Doch traumhaft war das nicht, eher ein Albtraum, schildert ihre Tochter das Abmagern ihrer Mutter.

Salzwedel - Doch von Anfang an: Rosemarie Sebastian musste im Mai vergangenen Jahres zu einer OP ins Krankenhaus. „Seitdem vegetiert sie in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen“, ist Petra Matthias verzweifelt. Der OP folgte ein Schlaganfall. Dann wurde Corona festgestellt. Anschließend ging es ins Pflegeheim. Dort ist die 83-Jährige seit Januar untergebracht.

Ein Häufchen Elend im Rollstuhl

„Ich habe meine Mutti sieben Wochen lang nicht gesehen. Sie wurde dreimal getestet und immer wieder war sie Corona positiv“, kommen Petra Matthias die Tränen. Auch die Enkel und Urenkel durften bis heute nicht zu ihrer Oma. Die betagte Dame versteht die Welt um sich herum nicht mehr. Versteht nicht, warum ihre Lieben sie nicht besuchen können. Vor allem, da ihre Urenkelin Jasmin (10) fast jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag bei ihrer geliebten Uroma verbracht hat. „Jasmin würde einen Schreck bekommen, wenn sie heute ihre Uroma sieht. Ein Häufchen Elend in ihrem Rollstuhl und begreift die Welt nicht mehr“, ist Petra Matthias verzweifelt. Und ist sich ganz sicher: „Meiner Mutter fehlt Liebe. Aber diese wird ihr durch die Pandemie verwehrt.“

Die geliebte Mutter hinter Plexiglas

Petra Matthias darf ihre Mutter jede Woche nur eine halbe Stunde lang besuchen. In einem extra aufgestellten Container. Mit Mundschutz, anderthalb Meter Abstand und einer Plexiglasscheibe zwischen der Frau, die sie einmal zur Welt gebracht und großgezogen hat, die sie über alle Maßen liebt und einfach nur in die Arme nehmen möchte. Inzwischen braucht Rosemarie Sebastian erst einmal die Hälfte der Besuchszeit, um ihre Tochter zu erkennen und einzuordnen. „Und wenn sie sich dann freut, muss ich schon wieder gehen. Wir heulen beide jedes Mal wie die Schlosshunde“, schnäuzt sich Petra Matthias in ihr Taschentuch.

„Schlaganfall und Corona hat meine geliebte Mutter überlebt. Ob sie die Vereinsamung übersteht ...“ Petra Matthias bricht ab. Nicht nur ihre Mutter, auch sie kann diesen Zustand kaum noch länger ertragen. „Was habe ich davon, wenn ich weiß, dass alles für den Schutz meiner Mutter getan wird, und sie unter diesem Schutzschirm stirbt?“, fragt sie nach Menschlichkeit, die auf der Corona-Strecke geblieben ist.

„Und das geht ja nicht nur meiner Mutter so. Alle alten Menschen machen die Maßnahmen kaputt, die sie schützen sollen“, haben Petra Matthias und ihre Mutter leidvoll erfahren müssen. „Auch das Personal in den Pflegeheimen leidet darunter – unter Corona-Auflagen und unter Corona-Bürokratie. Und dabei bleiben die Menschen auf der Strecke. Hauptsache, alle Akten sind ausgefüllt und abgeheftet“, ist Petra Matthias wütend. Und sieht wenig Hoffnung: „Meine Mutter braucht menschliche Wärme, um zu genesen. Aber ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen.“

Es mangelt an Zuwendung

„Ich würde mir wünschen, dass in Krankenhäusern und Pflegeheimen mehr Menschlichkeit praktiziert wird. Nur haben die Beschäftigten dazu keine Zeit – sie müssen ja auf die Beschränkungen achten und Akten ausfüllen“, ist Petra Matthias verärgert. Seit Beginn der Pandemie werde darüber geklagt, dass das Personal mit den zusätzlichen Aufgaben ans Limit komme, es werde von einer höheren Vergütung der auch ohne Corona schlecht bezahlten Jobs gesprochen – passiert sei nichts, konstatiert Petra Matthias. Im Gegenteil: „Meine Mutter muss das nun ausbaden, wie viele andere auch. Tod durch Vereinsamung, Liebesentzug – nicht durch Corona.“

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