Das Medienprojekt „Tellerrandgeschichten“ verbindet über Jahre Menschen mit und ohne Behinderung

Ohne Vorurteile, aber mit Spaß am Filmen

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Mit viel Witz und Ironie realisieren die Mitglieder vom Medienprojekt „Tellerrandgeschichten“ über 16 Kurzfilme. Alle sind traurig, als die letzte Klappe beim Kurzfilm „Die Premiere“ fällt.

Salzwedel. Es soll ein neues Projekt in Salzwedel entstehen, welches Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenführt, denkt sich Dieter Herker, damaliger Leiter der Local Heroes.

Vor der heimischen Garage wird ein Filmset aufgebaut. Die grüne Farbe wird später im Film durch ein anderes Bild ersetzt.

Doch welches Vorhaben verbindet die Menschen am besten? Lange wird überlegt, geschaut und Ideen werden gesammelt. Im Jahr 2013 wird dann der erste Grundstein gelegt: „Tellerrandgeschichten“. Menschen mit Interesse am Film und Fernsehen, ob mit oder ohne Behinderung kommen zusammen, tauschen sich aus und lernen voneinander. Um ein solches Vorhaben zu leiten, braucht es ein gutes Team, welches sich in seinem Handwerk versteht und viel Wissen vermitteln kann.

Mit Volldampf voraus

An sechs verschiedenen Wochenende wird der Kinofilm realisiert. Alle Schauspieler haben sichtlich viel Spaß.

Schnell wird ein Team gefunden, welches sich dazu bereit erklärt „Tellerrandgeschichten“ zu realisieren. Die Fachfrau für Theater, Schauspiel und Clownerie Antje Siegel-Reinhardt, Filmemacher Vincent Reinhardt und Candy Szengel, freier Fotograf und ebenfalls Filmemacher, kommen zusammen, um die Arbeit an dem neuen Projekt aufzunehmen. Es fehlt nur noch an Teilnehmern. Eine Webseite wird eingerichtet, ein kleiner witziger Aufruffilm gedreht und Flyer gedruckt, um Aufsehen zu erwecken. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Offenen Kanal Salzwedel (OKS) entsteht der Kontakt zum regionalem Christlichen Jugenddorf (CJD) Salzwedel. Innerhalb von nur drei Monaten finden sich interessierte Menschen zu dem Projekt zusammen. Im Januar 2014 kommt es dann zu einem ersten Treffen. Um die anfänglichen Hemmungen abzubauen, werden spielerisch Interviews geführt oder gegenseitiges Fotografieren als Aufgabe gestellt. 30 junge und alte, behinderte und nicht behinderte Menschen füllen „Tellerrandgeschichten“ mit Leben.

Wie eine Familie

Stolz und glücklich halten Stephan Becker (l.) und David Rössner die Preise in der Hand.

Eine feste Gruppe aus 20 Filmbegeisterten trifft sich regelmäßig alle 14 Tage, um im Studio des OKS gemeinsamen an verschiedenen Medienprojekten zu arbeiten. Ziel ist es, die Scheu vor der Kamera zu verlieren und die Regeln am Filmset zu verinnerlichen. „Für uns zeigte sich, welche Interessen, Kreativitäten, persönliche Stärken und Schwächen in den einzelnen Teilnehmern zu finden sind“, erzählt Antje Siegel-Reinhardt. Weiter sagt sie: „Wir denken, dass aufgrund dieser Ansätze gute Gefühle – hier bin ich richtig, hier werde ich so genommen, wie ich bin – entstanden sind.“ Damit steht fest: Nicht nur die Projektarbeit steht im Vordergrund, auch das allgemeine Gruppenwohl ist ein wichtiger Bestandteil von „Tellerrandgeschichten“. So veranstaltet man zum Beispiel im Sommer ein Picknick im Park oder in der kalten Jahreszeit eine kleine Weihnachtsfeier.

Ein Film für das Kino

Der Film „Die Premiere“ holt bei seiner Filmpremiere viele Gäste in das Salzwedeler Kino.

Das letzte Jahr von „Tellerrandgeschichten“ ist angebrochen. Nun gilt es zu überlegen, wie dieses gestaltet werden soll. Antje Siegel-Reinhardt erinnert sich: „Viele Teilnehmer kamen auf uns zu und wollten zeigen, was sie gelernt haben. Schnell war uns klar: Wir drehen einen Kinofilm.“ Jeder bringt seine Ideen ein und so entsteht ein Film, welcher von zwei Brüdern erzählt, die zu ihrer eigenen Filmpremiere fahren. Sie geraten jedoch dabei in komische Umstände und verzwickte Situationen. Antje Siegel-Reinhardt nimmt das Zepter in die Hand und übernimmt bei dem Kinofilm die Regie. Sie steht vor der großen Herausforderung: eine Komödie mit behinderten Menschen zu drehen, ohne diese komisch rüberkommen zu lassen. Der Grad zwischen komisch und albern ist sehr schmal. „Darf man überhaupt über Behinderte lachen? Wissen sie, was sie da machen? Das waren Fragen welche mich für einige Zeit verfolgten“, erzählt Siegel-Reinhardt.

Neben dem Film „Die Premiere“ wurde auch ein Grusel-Film realisiert. Alle Beteiligten hatten viel Spaß beim Drehen von „Ein Foto von Betty White“.

Neue Wege brauchen viel Mut sowie Erfahrung. Damit beginnen die Dreharbeiten. Mit viel Liebe und Herzblut wird an dem Streifen gearbeitet. Jeder ist hoch motiviert und gibt hundert Prozent. So entsteht am Ende eine gestandene Komödie, die den einen oder anderen Schmunzler und Lacher bereit hält. Über 140 Gäste kommen zur Premiere vom Film „Die Premiere“. Der Applaus und die Begeisterung nach der Vorführung im Kino von Salzwedel sind groß. Die beiden Hauptdarsteller Stephan Becker und David Rössner fühlen sich wie Stars, denn sie verteilen eine Menge Autogrammkarten an Freunde und Besucher.

Eine Nominierung des Films „Die Premiere“ beim „Reflect“-Wettbewerb in Stendal rundet das Medienprojekt von „Tellerrandgeschichten“ ab. Zwei Preise nimmt das Salzwedeler-Filmteam mit nach Hause. Bei der Verleihung selbst sitzen alle angespannt da und umso größer ist die Erleichterung, als der Abend in Stendal vorbei ist.

Mit dem gewonnen Preisgeld will das Team um Antje Siegel-Reinhardt, Vincent Reinhardt und Candy Szengel weitere Filmprojekt realisieren. Doch erst einmal genießen die Tellerrändler den Erfolg ihres Filmes und sammeln Kraft für weitere Ideen. Die letzte Klappe ist aber noch lange nicht gefallen.

Von Paul W. Hiersche

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