Obstleiter bedeutete Fluchtgefahr

Irmgard Schulz (80) aus Reddigau in ihrem Garten. Heute darf sie wieder eine Leiter besitzen. Der Streckmetallzaun im Hühnergarten stammt von den Grenzanlagen. Fotos (2): Zuber

Reddigau. Die innerdeutsche Grenze war 28 Jahre lang unpassierbar. Als sich am 13. August 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer der „eiserne Vorhang“ für lange Zeit schloss, änderte sich auch für Irmgard Schulz aus Reddigau das Leben von Grund auf.

„Was ich da erlebt habe – ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben“, sagt die 80-jährige Seniorin. Sie wohnte nur wenige Meter Luftlinie von der Grenze entfernt.

Geheimbefehl zur Zwangsaussiedlung

Im beschaulichen Reddigau, heute ein Ortsteil von Diesdorf, lebt sie seit 1931. Im Mai 1945 war der Krieg vorbei. Doch bereits seit Frühjahr 1946 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der UdSSR und den Westalliierten. Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 im Westen unterbrach die Rote Armee die Eisenbahn- und Straßenverbindungen am 24. Juni. Es folgte die Berlin-Blockade bis zum 12. Mai 1949, und bereits im Herbst jenes Jahres wurde der Grenzkontrollpunkt Marienborn ausgebaut. „Von da an bekamen auch wir langsam zu spüren, dass wir dicht an einer Grenze wohnten“, sagte Irmgard Schulz. Im Mai 1952 wurde die „Zonengrenze“ auf Befehl der Sowjetarmee erstmals komplett abgeriegelt. Zugleich wurde der Geheimbefehl zur Zwangsaussiedlung „unzuverlässiger Personen“ aus dem Grenzgebiet erlassen. Dieser „Aktion Ungeziefer“ folgte 1961 die „Aktion Festigung“. In Reddigau und Neuekrug kam es bei dieser Aussiedlung zahlreicher Menschen aus dem Fünf-Kilometer-Sperrgebiet zu dramatischen Szenen.

Irmgard Schulz erinnert sich an „viele Wichtigtuer“, die damals andere Leute denunziert haben. „In Neuekrug war eine Hochzeit. Die Leute kamen von der Feier und wurden gleich von der Polizei empfangen. Sie mussten sofort packen und gehen“, sagt Irmgard Schulz. Ihre Familie durfte bleiben. „Irgend jemand musste sich ja um die Kühe und Kälber kümmern. Später habe ich den Kuhstall dann geleitet“, so die Seniorin. In den kommenden Jahren nahmen die Kontrollen zu.

Familie Schulz hatte eine über sechs Meter große Obstleiter aus Holz. „Eines Tages kamen sie, um die Leiter zu holen. Sie hatten offenbar Angst, dass wir damit über den Grenzzaun klettern“, sagt Irmgard Schulz. Heute kann sie darüber lachen, doch damals war das bitter. Denn: Die Familie hatte ihre Wiesen im Westen. Dass sie nach dem Bau der Mauer kein Futter für die Tiere hatten – danach hat niemand gefragt.

Eine Grenze bei Reddigau, wenn auch eine weniger bewachte, gab es bereits früher: „In der Gegend stießen die Gebiete Preußen und Hannover-Land aufeinander“, weiß Irmgard Schulz. In unmittelbarer Nachbarschaft ihres Hauses stand die Grenzkaserne. Mit den Soldaten kamen die Einwohner meist gut aus, doch es gab auch Schikanen und andere Probleme: Die fingen schon an, wenn der Tierarzt dringend ins Sperrgebiet musste, aber der Schlagbaum heruntergelassen war. „Wegen der vielen Umstände ging man später dazu über, zumindest die Milchkühe weiter landeinwärts zu bringen“, erinnert sich Irmgard Schulz.

Kein Besuch zum Tod der Schwester

Eine der bittersten Erfahrungen, die sie an der Grenze machen musste, betraf ihre Schwester. Die heiratete ins benachbarte Rade im Westen. „Sie verstarb 1984. Erst 1986 durfte ich dann kurz zu Besuch nach Rade“, sagt die Seniorin traurig.

20 Jahre lang hat sie auf ein Telefon gewartet. Erst nach der Wende hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Irmgard Schulz hat drei Kinder, vier Enkel und drei Urenkel. Ein Enkelkind lebt im fernen Australien. Wenn die Seniorin aus Reddigau heute und damals vergleicht, weiß sie, dass im Zuge der Wiedervereinigung nicht alles richtig gemacht wurde: „Wenn ich nur daran denke, dass jetzt unsere Milch aus der Region ins ferne Bad Bibra bei Naumburg gefahren wird, habe ich dabei ein ungutes Gefühl“, sagt Irmgard Schulz.

Heute darf die Seniorin wieder eine Leiter besitzen. Ein Stück Reddigauer „Mauer“ dient derzeit im Hühnergarten als Zaun. „Die Altbundesbürger deckten sich damals zuhauf damit ein. Uns fehlte meist ein geeignetes Transportmittel“, erinnert sich die betagte Seniorin an die Wendezeit.

Von Kai Zuber

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