Oberbürgermeisterin Sabine Danicke zur politischen Diskussion über Hitlers Ehrenbürgerschaft

„Nur den Arm zu heben, ist zu banal“

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Salzwedels Oberbürgermeisterin Sabine Danicke blättert im goldenen Buch der Stadt – Adolf Hitler hat sich in den Annalen der Stadt nicht verewigt und die Urkunde mit der Ehrenbürgerschaft nicht persönlich entgegen genommen.

Salzwedel. Adolf Hitlers frühere Ehrenbürgerschaft in Salzwedel beschäftigt seit Monaten die Stadtpolitik – für die nächste Ratssitzung im Februar verlangen zwei Fraktionen eine Distanzierung. Doch zuvor steht am Sonntag der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus an.

Die Altmark-Zeitung sprach mit Salzwedels Oberbürgermeisterin Sabine Danicke über den Umgang der Stadt mit diesem Thema.

Frau Danicke, am 27. Januar wird der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Was steht an diesem Tag im Kalender von Salzwedels Oberbürgermeisterin?

Es ist ein Tag, der gegen das Vergessen angeht, um auch künftige Generationen zur Wachsamkeit zu mahnen. Vor Ort kann sehr emotional Geschichte vermittelt werden. Um 15.45 Uhr spreche ich am Mahnmal Ritzer Brücke zum Gedenken an die 244 getöteten KZ-Häftlinge. Im Anschluss spreche ich um 16.30 Uhr am Gedenkstein Gardelegener Straße zum Gedenken an die 2000 Mädchen und Frauen, die im Salzwedeler Außenlager des KZ Neuengamme für die Rüstung des Nazi-Regimes gearbeitet und gelitten haben und um 17.30 Uhr nehme ich im Hanseat an der Lesung zur Situation weiblicher KZ-Häftlinge in der Zeit des Dritten Reiches teil.

Der Stadtrat wird sich nun ja aus einem anderen Grund mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigen. Konkret: Adolf Hitler ist 1933 zum Ehrenbürger der Stadt Salzwedel ernannt worden. Wie kam es dazu?

Es gibt nicht einmal Protokollbücher über diesen Vorgang, sondern nur einen Wochenblattbericht. Demnach hatte das die Stadtverordnetenversammlung am 6. April 1933 beschlossen. Hauptpunkt dieser Versammlung war auch die Vorbereitung der 700-Jahr-Feier der Stadt Salzwedel. Man wollte die damals bedeutendsten Politiker Paul von Hindenburg und Adolf Hitler zu Ehrenbürgern ernennen und beide zur Stadtfeier einladen.

Der stellvertretende Bürgermeister Prilipp überbrachte die Urkunde der Ehrenbürgerschaft 1933 in die Berliner Reichskanzlei, da war Hitler gerade mal drei Monate im Amt.

Und ist Adolf Hitler heute noch Ehrenbürger?

Nein, er ist es nicht mehr. Zwei Aktenordner aus dem einstigen Hauptamt, einer vom 19. Jahrhundert bis 1932, der andere von 1932 bis 1950, besagen nach damals geltendem und damals nicht aufgehobenem Recht laut einem Erlass des Ministers des Innern vom 12. Januar 1936: „Das Ehrenbürgerrecht ist ein Persönlichkeitsrecht und erlischt mit dem Tod des Geehrten. Die förmliche Aberkennung nach dem Tod des Geehrten ist nicht mehr möglich.“

Es gibt also kein Ehrenbuch, in dem Adolf Hitler verzeichnet ist, aber eine Ehrenliste?

Ja, es gibt eine Liste von 1929, die alle Ehrenbürger bis einschließlich 1929 auflistet. Danach wurde von Stadtarchivar Steffen Langusch – ohne äußeren Grund – sondern als eigenes Arbeitsmaterial und ebenso für Mitteilungen an Bürger und die Presse am 17. November 2010 erneut eine Liste erstellt. Ich lade jeden ein, der selbst gut recherchieren möchte – ihm steht das Stadtarchiv jederzeit offen! Ich bin froh, dass es das Archiv gibt, wo sich jeder, mit kompetenter Unterstützung, weiterbilden kann.

Nun wollen die Stadtratsfraktionen Freie Liste und SAW-Land eine symbolische Distanzierung von der damals beschlossenen Ehrenbürgerschaft. Ist das in Ihrem Sinne?

Natürlich. Aber es bleibt eben nur eine symbolische Distanzierung. Salzwedel hat sich schon vor sehr langer Zeit vom Nationalsozialismus und seinen Verbrechen distanziert. Es ist fast zu banal und zu profan, nur den Arm zu heben. Aus der Geschichte etwas streichen können wir nicht – ebenso wenig die anderen Städte Deutschlands. Ich sehe es als mutiger an, sich in die Geschichte zu vertiefen.

„Auch das gehört zu

unserer Geschichte“

Und Salzwedel hat längst den Arm gehoben: Auch, wenn wir Demonstrationen rechter Kräfte nicht verhindern konnten – Stopp, keinen Meter weiter! – war stets die Maxime. Wie am 27. Dezember 2008, als mit Zivilcourage und moralischem Bewusstsein mit bunten und kraftvoll distanzierenden Veranstaltungen dem braunen Gedankengut entgegengetreten wurde – wie es bei Hanseaten üblich ist! Unsere Weltoffenheit war auch besonders beeindruckend beim Internationalen Hansetag 2008.

Jetzt ist Salzwedel wegen dieser Sache in den Schlagzeilen und im Internetzeitalter hat man schnell auch überregional einen Ruf. Wäre so ein symbolischer Akt nicht eine gute Gelegenheit, die Sache zu den Akten zu legen?

Eigentlich ist dieser Antrag überflüssig. Geschichte kann man nicht zu den Akten legen; erst recht nicht das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte – weder mit einem Antrag, Beschluss oder symbolischen Akt. Sind wir damit von weiteren Pflichten entbunden? Was hier geschah, gehört zur Weltgeschichte – und zu Salzwedels Geschichte. Die kann man nicht streichen. Wichtig ist: Salzwedel hat mit all seinem Handeln längst den Arm gehoben. Wir dürfen auch weiterhin nicht aufhören, zu erinnern, zu mahnen, aufzuklären. Wir müssen uns mit der Geschichte auseinandersetzen, wir können nicht wiedergutmachen, aber mehr Fantasie zur Verinnerlichung aufwenden, damit nichts wieder geschieht.

Sie haben immer betont, durch diese Diskussion käme ein völlig falscher Zungenschlag in die Positionierung der Stadt Salzwedel in Sachen Nationalsozialismus. Wie und wo engagiert sich die Stadt?

Unsere Aktivitäten sind so vielfältig, dass man die Liste hier gar nicht abdrucken kann. Es gab engagierte Anti-Rechts-Veranstaltungen, ebenso jährlich gut recherchierte und eindringliche Rede-Beiträge von Kirchen, Gewerkschaften, Überlebenden und von mir zu verschiedensten Anlässen. Die Hansestadt wirkt seit Jahren im engagierten Verein „Miteinander“. Es gibt Schulen gegen Rassismus, für Courage. Für die erste, die Jeetzeschule, bin ich Patin. 1996 gab es ein Treffen mit über 30 Frauen, die 1945 im KZ Salzwedel befreit worden sind und auf Einladung der Stadt Salzwedel zu Besuch weilten. Die Salzwedeler hatten die Chance, um Vergebung und ein wenig Wiedergutmachung zu bitten. 2010 verlegte der Künstler Günter Demnig auf Salzwedels Gehwegen 16 Stolpersteine zu Lebensdaten einstiger jüdischer Bürger. Ich selbst habe die Hansestadt durch eine privat finanzierte Reise mit meinem Wortbeitrag bei einer Ausstellung „Never let it rest“ im Museum Houston vertreten. Ganz aktuell freue ich mich, am 16. April die Zeitzeugin Zippora Feiblowitsch aus Israel zu begrüßen. Und das alles ist nur ein kleiner Ausriss aller Aktivitäten. Wie gesagt: Nur den Arm zu heben, ist zu banal.

Von Thomas Mitzlaff

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