Noch einen Tag vor der großen Demonstration wurde um jedes Wort gerungen

3. November: Generalprobe für den aufrechten Gang

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Die beiden Pastoren Günter Haß (vorn) und Joachim Hoffmann riefen zum friedlichen Protest auf und mahnten zur Besonnenheit

Salzwedel. Es war das schwere Ringen um den aufrechten Gang. Auch, wenn diese Worte inzwischen zur Floskel geworden sind – vor einem Vierteljahrhundert, am 3. November 1989, wurde dieser aufrechte Gang in der Katharinenkirche in Salzwedel vorbereitet.

Eine Woche zuvor hatten sich dort, unter dem Dach der Wende, wie Sankt Katharinen seitdem von den Salzwedelern genannt wird, Tausende spontan getroffen, um der real existierenden DDR den Rücken zu kehren. Nicht durch eine Flucht. Denn noch waren die Grenzen dicht und schwer bewacht. Sondern unter dem Motto „Bleib im Lande und wehre dich täglich“.

Das war auch das Thema des Salzwedeler Freitagstreffs in der Katharinenkirche, wo sich die Altmärker um die Sprecher des Neuen Forum scharrten und auch selbst zu Sprechern wurden. Sie wollten ihrer Regierung aber nicht ihrem Land den Rücken kehren. Sie wollten Veränderungen. Und dies sollte friedlich geschehen.

Deshalb taten sich die über 1000 Menschen am 3. November so schwer damit. Wie schon eine Woche zuvor wurde erneut um jedes Wort gefeilscht. Denn in Salzwedel wie auch anderswo sollte den noch Herrschenden nicht die kleinste Möglichkeit gegeben werden, Demonstrationen zu verbieten, aufzulösen oder gar gegen die Demonstranten vorzugehen. Denn die Salzwedeler hielt es nicht mehr in der Kirche. Sie wollten auf die Straße. Schon am nächsten Tag. Deshalb beschworen die beiden Pastoren Joachim Hoffmann (St. Katharinen) und Günter Haß (St. Georg) an jenem Abend die Menschen immer wieder: „Keine Gewalt! Und wenn wir morgen auf die Straße gehen, dann achten Sie auch auf Ihre Nachbarn. Ein geworfener Stein genügt.“

Von Holger Benecke

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