Expertin rät: Exhibitionisten am besten ignorieren

„Nicht rufen oder schreien“

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Iris Jugl: „Je geringer die Reaktion, desto eher lässt er es sein.“

Salzwedel. „Man kann sich darauf vorbereiten“, sagt Iris Jugl. Die Psychotherapeutin meint die Opfer von Exhibitionisten, die sich auch in Salzwedel immer wieder meist vor jungen Mädchen entblößen. Die jüngsten Fälle liegen erst wenige Wochen zurück –

am 28. September ließ ein Mann an den Kämmereiteichen vor den Augen zweier Elfjähriger die Hose her-unter und manipulierte an seinem Geschlechtsteil, am 10. September gab es einen ähnlichen Vorfall an der Altperverstraße. Die Polizei hat bislang „keine Hinweise auf den oder die Täter“, wie Sprecher Frank Semisch gestern bestätigte. Zeugen hätten sich nicht gemeldet, interne Maßnahmen seien ergebnislos verlaufen.

Wer so etwas einmal macht, der tut es wahrscheinlich wieder, warnt Psychotherapeutin Iris Jugl. Warum, das erläutert die Expertin im AZ-Interview.

AZ-Interview

Sind Exhibitionisten krank?

Jugl: Ob Exhibitionismus eine Krankheit ist, darüber streiten die Wissenschaftler. Fest steht: Exhibitionismus wird mit der Bezeichnung F 65.2 als Krankheit geführt. Das F steht für psychische Erkrankung.

Was ist charakteristisch für Exhibitionisten?

Jugl: Es sind meist unsichere Menschen, die in irgendeiner Weise sexuelle Erregung erleben wollen. Das Kriterium für die Krankheit ist, dass derjenige diesen immer wiederkehrenden Zwang empfinden muss.

Wer das einmal macht, tut es also wieder?

Jugl: Meist sind es Wiederholungstäter. Ein Viertel von ihnen taucht später in der Kriminalstatistik wieder mit schwerwiegenderen sexuellen Gewalttaten auf.

Warum entblößen sich Exhibitionisten meist vor jungen Mädchen?

Jugl: Erwachsene kriegen oft nicht so einen heftigen Schreck wie Kinder oder junge Mädchen. Das Ziel ist, Erregung und Reaktion zu erreichen, das gelingt bei jungen Mädchen besser.

Handelt ein Exhibitionist spontan oder geht er mit einer Absicht los?

Jugl: Das ist keine spontane Sache, sondern passiert mit Absicht. Er will die Reaktion, den Schock, erleben, damit geht es ihm besser. Es drängt ihn, sich zu zeigen, und eventuell kommt es dabei auch zur Erektion und zum Samenerguss. Das ist für ihn dann Spannungsreduktion.

Sind Exhibitionisten also eher Single-Männer?

Jugl: Das ist ganz unterschiedlich. Er kann alleinstehend oder auch verheiratet sein. Er tut das, um einen Erregungszustand abzubauen, da muss man im Einzelfall gucken.

Ein Exhibitionist ist also nicht einfach zu erkennen?

Jugl: Nein, nicht bevor der Reißverschluss offen ist ...

Wie sollte man sich verhalten, wenn plötzlich ein Mann vor einem steht und die Hose herunterlässt?

Jugl: Man kann sich vorbereiten. Darüber nachdenken, dass so etwas passieren kann. Dann hat man schon mal einen Plan im Kopf und kann besser reagieren. Nicht schreien oder rufen, ihn möglichst ignorieren, sich aber auch nicht abwenden, sondern sich ganz normal verhalten. Man sollte auch mit Kindern in altersgerechter Weise darüber reden. Kindern würde ich auch raten wegzulaufen.

Aber reizt ihn Ignoranz nicht noch mehr?

Jugl: Je geringer die Reaktion, desto eher lässt er es sein. Auf jeden Fall sollte aber Strafanzeige erstattet werden, sonst wird nicht ermittelt.

Apropos Anzeige. Am 28. September hat sich ein Mann an den Kämmereiteichen vor den Augen zweier Elfjähriger entblößt. Gegenüber der Polizei konnten die Mädchen angeben, dass der Täter blau-grüne Augen hatte. Wieso haben sie sich das gemerkt?

Jugl: Das ist typisch für traumatische Situationen, man merkt sich scheinbare Nebensächlichkeiten.

Von Ulrike Meineke

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