Im Stipendiatenhaus Salzwedel angekommen: Megumi Fukuda aus Japan

Mal was Neues probieren

Ein zeitlicher Zufall brachte sie zusammen: Megumi Fukuda aus Japan und Ravi Shekhar aus Indien leben in den beiden Wohnungen des Salzwedeler Stipendiatenhauses. Foto: Hamann

Salzwedel. Megumi Fukuda dürfte die erste und vorerst einzige Japanerin sein, die sich dringend für Salzwedels Sperrmüll interessiert.

Die 35-Jährige lebt seit einigen Tagen im Salzwedeler Stipendiatenhaus und will hier während ihrer drei Monate Installationen bauen – und dafür braucht sie eben auch Sperrmüll, weswegen sie sich schon vor der Ankunft am Bahnhof über Sperrmülltermine informierte. Die Wege zu lokalen Baumärkten erfragte sie auch gleich bei der ersten Begegnung mit der AZ. Die Antwort fiel wesentlich leichter als die auf die Frage, welche Sehenswürdigkeiten es in Salzwedel gibt. Alte Häuser natürlich und rundum Natur – ob das eine weitgereiste Japanerin lange beeindrucken kann, wird sich zeigen.

Megumi Fukuda ist nicht das erste Mal in Deutschland – im Gegenteil, sie lebt hier sogar seit 2004. Da begann sie ein Studium an der Berliner Hochschule der Künste in der Klasse von Rebecca Horn, das sie 2007 beendete. Schon 1999 war sie als Austauschstudentin für ein halbes Jahr in Hannover – ohne Deutsch zu können und ihr Englisch war auch nicht allzu gut, wie sie zugibt. Damals studierte Megumi Fukuda Industrial Design in ihrer Heimatstadt Hiroshima. „Das ist keine so große City, nur eine Million Einwohner“, findet sie. In Deutschland würde das für den vierten Platz unter den größten Städten reichen. Es gefiel ihr trotz mangelnder Sprachkenntnisse so gut in Deutschland, dass sie zurückkam – nun lebt sie mit ihrem Ehemann in Berlin. „Die Mentalität war gar nicht so schwierig“, blickt sie zurück.

Ihre japanische Heimatstadt ist weltberühmt für den ersten nuklearen Angriff der Menschheitsgeschichte und das hat natürlich auch Einfluss auf Megumi Fukudas Leben: „Wir denken nicht jeden Tag daran. Aber ich habe zum Beispiel im Haus meiner Großeltern eine Installation zum Gedenken an meinen Großvater gebaut“, berichtet sie. Er gehörte zu den Überlebenden des Angriffs und brachte später als einer von vielen Stadtgärtnern das Grün in die zerstörte und strahlende Stadt zurück. Er hatte Glück und lebte noch viele Jahrzehnte. Gerade auch nach dem Atomunfall in Fukushima sagt sie über Deutschlands schnellen Ausstieg aus der Kernkraft: „Dem stimme ich absolut zu!“

Salzwedel ist nicht so überlaufen wie japanische Städte und das mag sie, erklärt Megumi Fukuda. Was etwas schwieriger ist: „In Berlin sprechen alle Englisch, in Salzwedel fühlen sich viele dabei unwohl“, hat sie den Eindruck. Liegt wohl an den mangelnden Touristen aus der Ferne. Bemerkenswert an Deutschland sei das gute und in zahllosen Sorten vorhandene Brot, freut sich die Japanerin, „manche Landsleute kaufen extra direkt vor dem Flug in die Heimat frisches Brot“, hat sie beobachtet. Baumkuchen mag sie ebenso sehr gern, der übrigens auch in Japan hergestellt wird. Beim Gespräch im Baumkuchencafé ist ihr derzeitiger Stipendiatenkollege Ravi Shekhar (wir berichteten) dabei. Als nur noch drei Baumkuchenstücke mit verschiedenen Schokoladenüberzügen auf dem gemeinsamen Teller liegen, fragt der Inder die Künstlerin: „Welche Sorte magst du nicht?“ „Milchschokolade“, bekennt sie, worauf Ravi sagt: „Also nimm dieses!“ Megumi lacht herzlich, worauf der AZ-Reporter offen zugibt, den Witz nicht verstanden zu haben und sich nun als humorloser Deutscher zu fühlen. Megumi Fukuda lässt das nicht so stehen und erklärt die mittelöstliche Botschaft: „Das bedeutet auf eine positive Weise: Probier auch mal etwas Neues.“ Gute Idee.

Von Steffen Hamann

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