Jürgen Lehmann schließt seine Wäscherei und Reinigung an der Altperverstraße in Salzwedel

Nach fast 65 Jahren Arbeit in den Ruhestand

Mann
+
Jürgen Lehmann schließt seine Wäscherei und Reinigung an der Altperverstraße in Salzwedel zum 30. Juni.
  • vonLydia Zahn
    schließen

Nach knapp 65 Arbeitsjahren und fast vier Jahrzehnten der Selbstständigkeit setzt sich Jürgen Lehmann nun im Juli zur Ruhe. Er wird seine Wäscherei und Reinigung Lehmann an der Altperverstraße in Salzwedel zum 30. Juni schließen.

Salzwedel - „Uns tut das schrecklich leid, dass wir keinen Nachfolger gefunden haben. Vor allem für unsere Kunden“, bekundet Jürgen Lehmann. Aber: „Meine Frau und ich wollen uns auch noch ein paar gute Jahre machen. Ich denke, das haben wir uns verdient.“ Und ob. Der gelernte Wäscher und Plätter mit einem Meister in Textilreinigung ist stolze 79 Jahre alt und seit seinem 16. Lebensjahr in dem Berufszweig tätig. In der Rente wolle das Ehepaar nun vor allem die Natur genießen, verrät er.

Berufung in die Wiege gelegt

Geboren und aufgewachsen ist Jürgen Lehmann in Kyritz in Brandenburg. Sein Vater betrieb dort damals eine Wäscherei. Seit er denken kann, begleitet ihn dieses Handwerk. „1956, mit 15 Jahren, bin ich dann in Potsdam in die Lehre gegangen. Damals hieß der Beruf noch Wäscher und Plätter“, erzählt Lehmann. Knapp vier Jahre später fing er an, im Betrieb seines Vaters zu arbeiten. 1966 machte er dann seinen Meister in der Textilreinigung.

„Ich sollte den Betrieb eigentlich irgendwann übernehmen. 1972 ist das Geschäft aber enteignet worden. Von da an lief er als VEB, also Volkseigener Betrieb, weiter. Zehn Jahre habe ich mir die Misere noch mit angesehen. Ich hatte keinen Einfluss auf das Geschehen, und mein Vater setzte sich dann bald zur Ruhe. Er kam mit den Ereignissen nicht klar, es war ja sein Lebenswerk. Also hörte ich auch auf“, berichtet Lehmann. Ende 1981 führte ihn sein Weg dann nach Salzwedel. Inzwischen hatte er bereits seine Frau kennengelernt und sie 1979 geheiratet.

Durch ein Inserat in einer Zeitung wurde er darauf aufmerksam, dass eine Reinigung in der Hansestadt einen neuen Besitzer suchte. Das war seine Gelegenheit. „Die Vorbesitzer wollten in den Ruhestand gehen und suchten einen Nachfolger. So habe ich den Betrieb am 1. Januar 1982 übernommen.

„Damals war die Reinigung noch im Nachbarhaus“, erinnert sich der 79-Jährige zurück. Den hinteren Teil des Gebäudes Nummer 14 kaufte Lehmann. Die Ladenfläche vorne mietete er. „Wir haben erst 87 Ostmark Miete gezahlt, später über 400 DM und dann über 800 DM. Das war zu viel. Daher kam der Entschluss, 1993 / 94 die Nummer 16 zu kaufen und zu renovieren“, erklärt der Reinigungsexperte. Das Ehepaar schaffte einen Durchbruch zum hinteren Teil des Nachbarhauses. Heute zählt dieser zur Hausnummer 16 dazu.

Währungswechsel und die Corona-Pandemie

Jürgen Lehmann wurde so einige Male vor Herausforderungen gestellt. Er musste sich immer wieder Neues einfallen lassen, um am Markt bestehen zu können. „Als am 1. Juli 1990 die Westmark eingeführt wurde, brach das Geschäft von 100 Prozent Leistung auf 25 Prozent ein. Es hat Jahre gedauert, sich wieder zu erholen“, beschreibt Lehmann. Und so kam es, dass er Anfang der 90er sein zweites Standbein aufbaute – die Wäscherei.

Im Laufe der 90er und 2000er kamen neue Annahmestellen dazu. „Heute haben wir noch welche in Diesdorf, Bergen, Clenze und Gartow. Die vier sind die Größten. Wir hatten aber auch schon mal zehn. Das hat sich aber irgendwann nicht mehr rentiert, und dann haben wir gesagt, Schluss damit“, erinnert sich Lehmann.

Doch nicht nur die Währungsumstellung stellte ihn vor neue Probleme, auch die Corona-Pandemie, wie der Textilreinigermeister berichtet: „50 Prozent läuft über die Reinigung und 50 Prozent über die Wäscherei. Und die sind uns jetzt weggebrochen. Denn die Wäschereiaufträge kommen aus der Gastronomie. Und die 50 Prozent bleiben auch weg, bis der Gaststättensektor wieder öffnet.“ Aber die Aufträge der Reinigung wären ebenfalls seit Beginn der Pandemie weniger geworden. Ohne die Corona-Hilfen hätte das Geschäft nicht überlebt, verrät der 79-Jährige.

Nachwuchs ist schwer zu finden

Doch damit wird es sowieso bald zu Ende sein. Das Ehepaar hat zwar jeweils Kinder aus erster Ehe, doch diese hätten schon längst ihren eigenen Weg gefunden. „Das Problem ist heute, einen Nachfolger für diese Branche zu finden. Sie sind in diesem Bereich verdonnert, selbst und ständig zu arbeiten. Und wohlhabend werden sie davon auch nicht. Die Branche ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Man muss Wissen über Materialien, Textilien und Chemikalien haben sowie etwas über Maschinenkunde wissen“, erklärt Lehmann. Seit zehn Jahren sucht das Ehepaar bereits einen Nachfolger, seit zehn Jahren verschieben sie ihren Ruhestand. Nun lässt die Gesundheit allmählich nach und der Entschluss wird unausweichlich. Drei Angestellte hat der Selbstständige, darunter seine Ehefrau. Knapp 20 Maschinen stehen im Betrieb. Und das Gebäude selbst werde Lehmann wahrscheinlich verkaufen, erzählt er.

„Leider ist dieser Berufszweig am Aussterben. Wir haben die letzte chemische Reinigung in Salzwedel. Früher gab es hier drei und in der Umgebung fünf bis sechs. Aber so ist die Entwicklung und dementsprechend kein fachlicher Nachwuchs vorhanden“, berichtet Lehmann mit Bedauern. Dennoch freut er sich auf seinen wohlverdienten Ruhestand.

Mitten im Grünen ist es am schönsten

Mittlerweile lebt der Reinigungsexperte in Gartow. „Meine Frau und ich lebten in Kyritz auch schon im Grünen. Wir wollten die Natur zurück. Deshalb sind wir Ende ‘93 nach Gartow gezogen. Es ist einfach herrlich, wenn man am Wasser sitzen und das Geschehen beobachten kann“, lacht der 79-Jährige. Mit der neugewonnenen Freizeit wisse das Paar ebenfalls schon etwas anzufangen. Zwar ist vieles durch die Corona-Pandemie und die Beschränkungen nicht möglich, doch zu tun sei genügend, weiß Lehmann: „Ich habe ein Grundstück, und da ist immer Arbeit. Außerdem sind wir vom Grünen umgeben, fahren also viel Fahrrad und gehen spazieren. Zu richtigen Hobbys hatten wir früher immer keine Zeit. Mal sehen, vielleicht entdecken wir noch was für uns.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare