VON WOCHE ZU WOCHE – Kommentar von AMZ-Redakteur Stefan Schmidt zur aktuellen Umwelt-Debatte

Wir müssen uns kein schlechtes Gewissen einreden lassen

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Die Umweltbelastung steigt immer mehr.

Ich weiß nicht mehr, wie der Mann hieß. Aber er hatte einen feinsinnigen Humor. Er hielt einen Vortrag zum Thema Umweltbewusstsein und Vorbildfunktion der Politik.

Dabei erwähnte er, dass er oft Radio-Interviews von Politikern höre, in denen wir Bürger aufgefordert werden, der Umwelt zuliebe öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Solche Interviews „höre ich dann direkt vom Autotelefon des Dienst-Mercedes des Politikers“, erzählte der Mann. Also eben nicht aus Bus und Bahn.

Als Normalbürger hat man längst den Eindruck, dass einem von allen Seiten ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Dies soll man nicht mehr essen, jenes nicht mehr anziehen, am besten gar nicht mehr in ferne Länder reisen und den Urlaub am besten daheim auf Balkonien verbringen. Der Umwelt zuliebe. Das Auto stehen lassen, Wasser sparen und, und, und.

Alles schön und gut. Wir Menschen sind tatsächlich Umweltsünder. Und das fängt im Kleinen an. Immer mehr Eltern – vor allem in den hippen Großstädten – fahren ihre Kleinen mit dem Auto zur Schule. Da werden dann 2.100 Kilo SUV bewegt, um 25 Kilo Kind in die Grundschule zu juckeln, wo doch nebenan der umweltfreundlichere Bus wartet. Da verzichtet man der Umwelt zuliebe auf Einkaufsfahrten in die ohnehin vom Autoverkehr verstopften Innenstädte, bestellt stattdessen lieber bequem im Internet – und die Innenstädte werden dann von in zweiter Reihe parkenden Paketdienstfahrzeugen blockiert, die eben diese Waren zum ach so umweltfreundlichen Kunden liefern.

Und dann tagt in dieser Woche der Bundestag, um die Vereidigung der neuen Verteidigungsministerin zu begleiten. Mehr als 700 Abgeordnete reisen extra an. Und radeln garantiert nicht mit dem Drahtesel nach Berlin, der Umwelt zuliebe. Oder haben Sie schon mal erlebt, dass ein Teilnehmer der regelmäßig tagenden Weltklimakonferenz mit dem Ruderboot statt mit dem Flugzeug anreist, der Umwelt zuliebe?

Klar ist: Wir müssen mehr für das Klima tun, bewusster leben. Denn Eltern, die in diesem Sommer ihr Kind einschulen lassen, haben mit dem Jungen oder Mädchen in den hiesigen Breitengraden noch nie eine Schneeballschlacht gemacht, weil es seit Jahren keinen echten Winter mehr gegeben hat.

Klar ist aber auch: Ein schlechtes Gewissen muss uns niemand einreden. Erst recht kein Politiker.

VON STEFAN SCHMIDT

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