Team des Seniorenzentrums: Stadtrat beschließt über 400 Familien-Schicksale

Vita-Mitarbeiter: „Das ist Hinhaltetaktik“

Marion Schulz und ihre Vita-Kollegen wollen sich nicht weiter hinhalten lassen. Foto: Heymann
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Marion Schulz und ihre Vita-Kollegen wollen sich nicht weiter hinhalten lassen.
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Salzwedel. Als „Hinhaltetaktik“, um den Verkauf des Vita-Seniorenzentrums ungestört über die Bühne bringen zu können, bezeichnen Mitarbeiter und Bewohner der Einrichtung die Aussagen von Bürgermeisterin Sabine Blümel während der Stadtratssitzung.

Nämlich: „Ein Beschluss zum Verkauf des Seniorenzentrums Vita stand zu keiner Zeit auf der Tagesordnung des Stadtrates.“

Die Ängste der Mitarbeiter sind groß. „Im Rahmen des sogenannten Liquiditätskonzeptes steht die Abstimmung über den Verkauf der Vita sehr wahrscheinlich bald auf der Agenda des Stadtrates. Das heißt, ein lokales, in die Stadt Salzwedel integriertes Unternehmen mit 125 meist langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in und um Salzwedel mit ihren Familien leben, soll an einen Investor verkauft werden“, fasst die langjährige Vita-Mitarbeiterin Marion Schulz zusammen.

Seit 23 Jahren gut gewirtschaftet

Sie nennt jene, denen die Absichten des Stadtrates Angst machen: „Daran hängt das Schicksal von 270 Kunden – Bewohner, Mieter, Tagespflegegäste und Patienten des ambulanten Dienstes – und deren Familien.“ Marion Schulz erinnert zudem daran, dass die Stadt für den Bau der Vita keinen Cent bezahlt hat. Und: „Seit 23 Jahren musste die Stadt für unser Unternehmen keine Verluste ausgleichen und keine Bürgschaften für Investitionen und Kredite übernehmen.“ Im Gegenteil. Während einer Konsolidierung griff die Stadt schon einmal in die Vita-Kasse und sanierte sich auch von den Rücklagen des Seniorenzentrums. „Und als Dank für gutes Wirtschaften müssen wir jetzt für die Finanzmisere der Stadt mit dem Verkauf einstehen“, sind die Mitarbeiter enttäuscht.

Zugleich ist den versierten Pflegekräften der geplante Verkauf umso unverständlicher, da das Pflegestärkungsgesetz III die Kommunen ab 2018 für die Daseinsvorsorge in die Pflicht nehmen wird. Das bedeutet, dass lokale Versorgungsbedürfnisse durch lokale Entwicklungen und Entscheidungsprozesse für ältere und hilfebedürftige Menschen durch die Kommunen noch stärker beeinflusst werden müssen. Mit der Vita stünde die Hansestadt dann exzellent da, mit einer verkauften Vita kommt das einem Neustart gleich – auch ohne die finanziellen Auswirkungen auf die leere Stadtkasse zu berücksichtigen.

Das Seniorenzentrum Vita.

„Wir als Mitarbeiter wehren uns aber gegen den Verkauf der Vita, weil wir wissen, was ein Verkauf an einen Investor bedeuten kann: Verlust von bis zu 40 Arbeitsplätzen und Neubeurteilung von Geschäftsbeziehungen mit lokalen Lieferanten, wie zum Beispiel Reinigung, Wäsche, Reinigungsmittel, IT-Bedarf“, listet Marion Schulz die weiteren Auswirkungen der laut Liquiditätskonzept beabsichtigten Stadtratsentscheidung auf. Und warnt weiter: „Der Kaufpreis muss von einem Investor refinanziert werden. Und wo kann er in einer Pflegeeinrichtung substanziell wirklich sparen? Nur bei den Personalkosten.“

Jobs ausgelagert: Aus für Angestellte

Das Vita-Team befürchtet, dass das unter anderem bedeutet: weniger Mitarbeiter, die die Bewohner versorgen, was sich auf die Pflegequalität erheblich auswirke. Und dass Bereiche wie Küche und Reinigung in ausgelagerten Gesellschaften mit niedrigem Lohnniveau integriert würden bzw. die Arbeitsplätze in diesen Bereichen ganz verloren gingen. „Ich frage Sie: Soll das die Zukunft der Vita sein?“, richtet sich Marion Schulz an den Stadtrat. Und setzt hinzu, ob sich die Stadt Salzwedel nicht auch mit einem gewissen Schuldenstand arrangieren könnte, wie das andere Gemeinden in den vergangenen Jahren erfolgreich bewiesen hätten? „Denn bei einem Verkauf bezahlen vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Familien und die Pflegebedürftigen die Zeche für die Misswirtschaft der Hansestadt Salzwedel aus der Vergangenheit. Das können wir so nicht hinnehmen“, schließt Schulz.

Sie steht mit ihrem Appell nicht allein. Bislang haben 2099 Salzwedeler – also Eigentümer der Vita – eine Initiative gegen den Verkauf des Seniorenzentrums unterstützt. „Wahrlich eine stattliche Anzahl“, hofft Marion Schulz auf ein Umdenken bei den gewählten Volksvertretern.

Von Holger Benecke

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