Prof. Dr. Thorsten Franz im AZ-Interview über juristische Fragen zum Wolf

„Man drückt sich vor notwendigen Klärungen“

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Der Jäger, Naturfreund, Rechtsexperte und Hochschullehrer Prof. Dr. Thorsten Franz aus Dahrendorf antwortet der AZ auf juristische Fragen zur Wolfs-Thematik. 

Dahrendorf / Altmark. Zunehmender Populationsdruck in Verbindung mit dem derzeit strengen Schutzstatus werden in den kommenden Jahren die Probleme mit dem Wolf eher größer werden lassen, falls der Gesetzgeber nicht handelt.

Vor dieser Thematik befragte die AZ den im Dährer Ortsteil Dahrendorf ansässigen Rechtsexperten Prof. Dr. Thorsten Franz von der Hochschule Harz über juristische Aspekte zum Thema Wolf. Franz veröffentlichte kürzlich sein Buch „Jagdrecht Sachsen-Anhalt“.

AZ-Interview

Altmark Zeitung: Wie ist der historische Ursprung des Jagdrechtes für den Wolf in Deutschland und wie hat es sich entwickelt?

Prof. Dr. Thorsten Franz: Regelungen zur Wolfsjagd gab es schon sehr früh. So erließ etwa Karl der Große im Jahre 813 ein Gesetz, nach dem seine Grafen jeweils zwei Wolfsjäger ernennen mussten. Die Jagd auf Wölfe war vom Mittelalter bis in die Neuzeit dem Grundsatz nach legal, mitunter wurden sogar Nichtjäger zu ihr verpflichtet, wenn etwa Bauern bei Wolfsjagden Hilfsdienste leisten mussten. Als im Jahre 1904 der vermutlich letzte deutsche Wolf geschossen wurde, war die Wolfsjagd noch erlaubt. Später gab es zwar keine heimischen Wölfe mehr, jedoch war es in der Bundesrepublik und der DDR zunächst legal, eingewanderte Wölfe (22) zu töten. Mit In-Kraft-Treten der Europäischen Artenschutzverordnung, im Gebiet der DDR mit Inkrafttreten des Einigungsvertrages im Jahre 1990, war der Wolf deutschlandweit geschützt.

AZ: Als Jäger kennen Sie die Probleme, die mit der Ausbreitung und der Höhe des Wolfsbestandes verbunden sind. Was ist diesbezüglich von der Politik zu leisten?

Jungwölfe in ihrem Revier: Der zunehmende Populationsdruck wird in den kommenden Jahren die Probleme mit der streng geschützten Tierart Wolf eher größer werden lassen.

Franz: Der Abschuss von Problemwölfen, die die Scheu vor dem Menschen verloren haben oder die sich auf das Reißen von Nutztieren ausgerichtet haben, sowie der Fangschuss auf schwerkranke bzw. verunfallte Wölfe sollten einfach und klar geregelt werden, um Rechtssicherheit für alle Beteiligte zu schaffen. Wünschenswert wäre auch eine klarstellende Regelung, die eine Pachtzinsminderung vorsieht, wenn der Wolf in einem Jagdrevier erstmals oder vermehrt auftritt und so den wirtschaftlichen Wert eines Jagdbezirks stark beeinträchtigt. Dieser Wert einer Jagd kann nämlich erheblich sinken, weil das „heimlich“ werdende Schalenwild schwieriger zu bejagen ist und durch die Wolfsrisse weniger Wild vom Jäger verwertet werden kann. Zudem können der Verbiss an Waldgehölzen und damit Wildschadensersatzforderungen gegen Jagdpächter zunehmen. Der Jagdpächter ist hier letztlich auf den guten Willen des Verpächters angewiesen, damit der Pachtpreis angepasst wird.

AZ: Für einige Jäger ist Schweden bei der Bejagung des Wolfes ein Vorbild. Machen unterschiedliche Regelungen in der EU nicht Sinn?

Franz: Wie im deutschen Bundesstaat, so gibt es auch innerhalb der EU im Rahmen der Kompetenzordnung eine große Vielfalt. Ob man das gut oder schlecht findet, hängt zunächst davon ab, ob man eher Unitarist oder Föderalist ist. Weil ich persönlich für mehr Europa bin, würde ich mir eine europaweit einheitliche Lösung wünschen. Sie sollte den Wolf nicht für unantastbar erklären, sondern Voraussetzungen nennen, unter denen ein Abschuss zulässig ist. Das schwedische Modell halte ich für ausgewogen, weil es zum einen darauf abzielt, die Population zu schützen, zugleich aber unter anderem den Interessen der Weidehaltung in Südschweden und der Rentierhaltung in Nordschweden gerecht zu werden versucht.

AZ: Ist es aus Ihrer Sicht nicht sinnvoll, eine Wolfsobergrenze festzuschreiben?

Franz: Es wäre jedenfalls legitim, wenn der Gesetzgeber grundsätzlich klärt, ob er Wölfe und ggf. wie viele Wölfe er in bestimmten Gebietstypen (etwa Nationalparks, Truppenübungsplätze, Siedlungsräume mit hohen Beständen von Nutztieren in Freilandhaltung etc.) zulassen will. Dabei müsste er unter anderem berücksichtigen, wie viele Individuen für den Erhalt einer Wolfspopulation erforderlich sind. Der Gesetzgeber könnte einen allgemeinen Rahmen schaffen, auf dessen Grundlage auf regionaler bzw. lokaler Ebene, etwa auf Kreisebene, Obergrenzen festgelegt werden. Dies wäre allerdings sehr aufwendig, wenn man fachliche Anforderungen an diese Festlegung stellt. Praktikabler erscheint mir zurzeit die rein anlassbezogene Anordnung von Abschüssen im Falle von „Problemwölfen“ auf der Grundlage eines „Wolfsgesetzes“.

AZ: Gibt es aus rechtlicher Sicht bezüglich des Wolfes Fehlentwicklungen?

Franz: Es besteht eine unsinnige Wertungsdivergenz zwischen schwerkrankem Wild, etwa einem angefahrenen Reh, und streng geschützten Tieren, wie dem Wolf. Leidendes Wild muss der Jäger erlösen, erlöst er hingegen ein streng geschütztes Tier von seinen Qualen, begeht er eine Straftat. Zudem drückt man sich vor notwendigen Klärungen. Regelungsbedürftig ist etwa der rechtliche Status von Wolf-Haushund-Bastarden. Eine Einordnung einer Wolf-Hund-Kreuzung als streng geschützte Tierart wäre nicht sinnvoll, weil solche Kreuzungen der Natur entnommen werden sollten. Fragwürdig ist die Regelung, die es untersagt, den Wolf als streng geschützte Tierart während der Fortpflanzungs- oder Aufzuchtzeit erheblich zu stören (§ 44 I Nr. 2 BNatSchG). Es sollte vielmehr ein Gebot geregelt sein, Wölfe, die Menschen nahe kommen, stets zu vertreiben, damit sie die Scheu vor dem Menschen nicht verlieren.

AZ: Das Konzept der Schutzjagd hat die EU gebilligt. Ist Deutschland in Sachen zukunftsorientiertem Wolfsmanagement auf einem Auge blind?

Franz: Deutschland dürfte – in engen Grenzen – nach dem Europarecht fraglos die Bejagung im Einzelfall zulassen, wenn dies mit gewichtigen landwirtschaftlichen Interessen gerechtfertigt ist. Ich gehe davon aus, dass man in Deutschland früher oder später eine Lösung ähnlich dem schwedischen Modell finden wird, sollten die Wolfsbestände weiter anwachsen – und dies ist zu erwarten.

Von Kai Zuber

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