Förderschule: Heute beginnt viertes Jahr ohne Chemieunterricht

Lernen für das Leben: Aber ohne Lehrer

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Elternrat Dirk Tiedge mit seinem Sohn David: Der Vater hatte drei Jahre lang dem Bildungsministerium im Nacken gesessen. So lange bekam sein Sohn keinen Chemieunterricht. Heute startet die Pestalozzi-Förderschule ins vierte Jahr ohne Chemielehrer.

Salzwedel. Sachsen-Anhalts Bildungsstaatssekretärin Eva Feußner sieht sich heute an zwei Salzwedeler Schulen um. Im Jahn-Gymnasium geht es um Lehrer, die nach Erreichen des Ruhestandsalters weiter arbeiten wollen, es aber nicht dürfen.

Und in der Comenius-Ganztagsschule steht der Lehrermangel ganz oben auf der Gesprächsliste, denn dort schwankt die Stellenbesetzung mit Pädagogen innerhalb der 80er-Prozente.

Feußner ist dafür genau die richtige Ansprechpartnerin, denn das Bildungsministerium ist die Personalabteilung für die Schulen und muss für den Lehrernachschub sorgen. Denn fehlende Pädagogen machen inzwischen fast allen Schulen zu schaffen.

Ein krasses Beispiel in Salzwedel ist die Förderschule Pestalozzi. „Gerade dort müsste etwas passieren, weil diese Kinder schon von vornherein mit schlechteren Chancen auf den Arbeitsmarkt starten“, sagt Dirk Tiedge. Er war bis zum Schuljahresende Elternvertreter und hatte der Lehrer-Personalabteilung im Bildungsministerium drei Jahre lang im Nacken gesessen. Ebenso lange, wie sein Sohn David keinen Chemieunterricht erhalten hat. Und während das Bildungsministerium es in drei Jahren nicht geschafft hat, einen Chemielehrer für die Förderschule zu besorgen, weil keiner nach Salzwedel wollte, hat sich ein Physiklehrer aus der benachbarten Lernbehinderten-Schule erbarmt und den Physikunterricht an der Pestalozzi-Schule übernommen. Denn auch auf diesen musste Dirk Tiedges Sohn zwei Jahre lang verzichten. Um so erstaunlicher, dass der junge Mann in seinem letzten Jahr auch in diesem Fach fleißig gelernt hat und das Prädikat „gut“ auf seinem Zeugnis verbuchen konnte.

So startet die Pestalozzi-Schule am heutigen ersten Schultag ins vierte Jahr ohne Chemielehrer. Aber es kommt noch dicker: Im Herbst geht auch noch die Ethiklehrerin in den Ruhestand. Ersatz ist nicht in Sicht.

Um die 150 Jungen und Mädchen, die die Förderschule in Salzwedel besuchen, kümmern sich 24 Lehrer und fünf pädagogische Mitarbeiter. Zwei Stellen für den Bundesfreiwilligendienst, die die Schulleiterin beantragt hat, sind vom Altmarkkreis zum Schuljahresbeginn genehmigt worden. Doch auch dort hat sich bislang nur eine Freiwillige gemeldet, um die Pädagogen bei der Schülerbetreuung zu unterstützen.

Von Holger Benecke

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