25-Jährige kämpft nach Koma um ihre Zukunft: Karen Hinz lässt sich nicht unterkriegen

Leise Töne mit viel Kraft

Das linke ihrer Bilder zeigt eine starke Frau, die erst im Detail Narben und Probleme offenbart. Für Karen Hinz sind die Bilder immer etwas mehr als schlichter Wandschmuck. Die 25-Jährige hat durch einen Unfall einen Großteil ihrer Stimme eingebüßt. Foto: Köhler

Salzwedel. Das Datum wird sie nie vergessen. Der Tag, an dem sich für Karen Hinz alles änderte, war der 7. Mai 1997. „Gegen 18 Uhr“, sagt Karen Hinz wie aus der Pistole geschossen. An diesem Tag fuhr die damals Neunjährige mit ihrem Rad zum Spielplatz.

Ein Auto erfasste sie frontal, Karen Hinz lag zwei Wochen im Koma. Eine langwierige Reha folgte. Und lange Monate im Krankenhaus. Die vierte Klasse musste sie komplett aussetzen, Karen Hinz erhielt Privatunterricht.

Ich wollte Musik studieren ...

Die Folgen des Unfalls wird sie ihr Leben lang ertragen müssen: Sie hat seit jenem 7. Mai einen Großteil ihrer Stimme eingebüßt, kann sich nur noch im Flüsterton verständigen. „Ich wollte Musik studieren“, erinnert sich Karen Hinz. Bedauern klingt aus der Stimme, die im Alltagslärm fast untergeht. Doch die nun 25-Jährige will sich nicht verstecken, nicht im Abseits landen. Sie nimmt ihr Schicksal an, kämpft. Auch und vor allem um einen Arbeitsplatz.

2012 ist sie in die Altmark gekommen, hat bei einer örtlichen Firma einen Job erhalten. Sie habe sich sehr gefreut, blickt sie zurück. Doch das Glück trübte sich bald, sie wurde das Ziel von Mobbing. Dazu kam der Umstand, dass sie in der Altmark niemanden kannte, durch ihre Flüsterstimme schwer Zugang zu anderen Menschen findet. Oft schon hat sie die Frage gehört, ob sie denn zu sehr gefeiert habe, dass sie keine Stimme mehr hat? Oder ob sie denn nicht mal lauter reden könne? Meist lächelt sie dann, lenkt das Gespräch auf ein anderes Thema. Oder sagt bedauernd, dass es nun einmal so ist.

Doch diesmal war es anders: Es kam zum Zusammenbruch. „Und der war hart“, ist Karen Hinz schonungslos ehrlich, während sie ihren rechten Unterarm vorzeigt. Zwei dünne Schnitte sind gerade noch zu erahnen, die Hinterlassenschaften eines Selbstmordversuchs. In diesen Momenten kam alles zusammen; die Erinnerung an die Schulzeit, als sie im Musikunterricht Lieder aufschreiben musste, statt diese mitzusingen. Die Anfeindungen auf Arbeit, die Angst um die Zukunft.

Karen Hinz überlebte, wurde in Uchtspringe therapeutisch behandelt. Und erlebte den nächsten Schlag: Ärzte diagnostizierten, dass ihre Stimme nur aufgrund der Psyche so leise sei. Sie müsse halt nur daran arbeiten. Erst ein Facharzt stellte dann fest, dass die Stimmbänder vernarbt sind und nicht mehr schwingen, wie sie es normalerweise tun. Die junge Frau beschloss, nicht aufzugeben.

Kämpfen musste sie bereits in der Jugend, nach dem Realschulabschluss begann sie das Fachabitur, wollte aber lieber zeichnen. Also bewarb sie sich in Hamburg und in Sønderborg (Dänemark). Zusagen erhielt sie von beiden Standorten, ging nach Dänemark. Und fand dort zu einer Passion, die sie nun voll ausleben will: grafisches Arbeiten.

Den Betrachter in sein Inneres führen

Ungeachtet ihrer Behinderung, die sie nach amtlichen Maßstäben zu 70 Prozent einschränkt, versucht sie unermüdlich, einen Arbeitsplatz zu finden. Daher freut sie sich sehr, dass ein Salzwedeler Fitnesscenter Bilder von ihr ausstellt. Dabei handelt es sich um Malereien auf Keilrahmen, die Themengebiete liegen zwischen abstrakten Motiven und Landschaftsmalerei. Wobei die typischen Motive Baum, Wiese und Himmel nicht ihre Leitthemen sind. Stattdessen liebt sie es, mit ihren Werken im Betrachter auch eine Betrachtung seiner selbst auszulösen.

„Es sind vor allem psychologisch geprägte Themen, die ich bildlich ausdrücken möchte“, so Karen Hinz. Vielleicht ist es auch ihre Art, einmal laut auszusprechen, was sie bewegt und was sie fühlt. Gerne würde sie das professionell weitermachen, kann sich vorstellen, in Psychiatrien oder therapeutischen Einrichtungen auszustellen. Auch eine Arbeit als Kunsttherapeutin interessiert sie. Das beinhaltet künstlerisches Arbeiten mit Patienten, die damit auch Zugang zu ihren Problemen finden – wie Karen Hinz seinerzeit es selbst einmal erfahren hat.

Die 25-Jährige kann sich während ihrer Arbeit an einem Bild vollkommen auf dieses konzentrieren. „Von morgens um neun bis Mitternacht bin ich dann voll dabei“, verrät sie schmunzelnd. Dann dreht die junge Frau die Musik ganz laut auf und schwingt den Pinsel. Gerne würde sie mitsingen, doch das schafft ihre Stimme nicht.

Einmal beim Autofahren lauthals mitsingen

Es ist ein Herzenswunsch von ihr: Während der Autofahrt lauthals die Songs mitzusingen. „Das würde ich so gerne einmal machen“, sagt sie in jenem leisen Tonfall, der sie ihr Leben lang weiter begleiten wird. Doch dann richtet sich Karen Hinz auf und zuckt mit den Schultern: „Es ist, wie es ist!“

Von Andreas Köhler

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