Landärzte: „Es fängt an zu brennen“

„Niemand möchte aufs Land“ – 50 Prozent der Mediziner gehen demnächst in Rente

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Dr. Burkhard John, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (l.), und Dr. Andreas Münch, Präsident der Apothekerkammer, beklagen Nachwuchsmangel in ihren Berufsgruppen.

Magdeburg. Sachsen-Anhalts Ärzten, Zahnärzten und Apothekern geht es nach eigenem Bekunden gut. Dennoch stimmten sie auf der gemeinsamen Jahrespressekonferenz ihrer Interessenverbände ein gemeinsames Klagelied an.

„Wir hatten die Hoffnung, dass es in diesem Jahr ruhig weiter geht“, sagte Carsten Hünecke, Präsident der Zahnärztekammer. Nun stünden mit der unklaren Regierungsbildung die gesundheitspolitischen Schwerpunkte in den Sternen.

Besonders das Lieblingsprojekt der SPD ist für die Lobbyvertreter eine bittere Pille, die sie nicht schlucken möchten. Eine Bürgerversicherung sei weder gerecht noch würde sie Kosten sparen, meinte Hünecke unter dem Beifall seiner Kollegen. Wenn von neuen, teuren Behandlungsmethoden und Medikamente zunächst diejenigen profitieren, die sich das leisten können, würde das den Wettbewerb ankurbeln und dadurch letztlich allen zu Gute kommen, so die Verbandsvertreter.

Ein Problem, das allen gleichermaßen schmerzt, ist der Nachwuchsmangel. Durch den demografischen Wandel steige die Behandlungsbedürftigkeit der Sachsen-Anhalter und damit die Arbeitsbelastung für die Heilberufler. Die Hälfte der Allgemeinmediziner im Land geht in absehbarer Zeit selbst in Rente. Bei den Zahnärzten sieht es ähnlich aus. Von den 49 niedergelassenen Dentisten im Altmarkkreis Salzwedel sind 39 älter als 50 Jahre, die älteste noch praktizierende Zahnärztin ist bereits jenseits der 75. Im Landkreis Stendal haben von den 74 Zahnärzten 49 das 50. Lebensjahr überschritten.

Die Entwicklung sei seit Langem bekannt. „Nun fängt es an zu brennen“, brachte es Burkhard John, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung, auf den Punkt. Während in den größeren Städten teilweise ein Überangebot an Medizinern herrsche, drohe in ländlichen Regionen wie der Altmark Versorgungsmangel. „Niemand möchte auf´s Land. Ich auch nicht“, gab Ärztekammer-Präsidentin Simone Heinemann-Meerz unumwunden zu. Sachsen-Anhalt sei noch vergleichsweise gut aufgestellt und es gebe einige Projekte, um Studienabsolventen die Niederlassung im ländlichen Raum schmackhaft zu machen, aber keine grundlegende Lösung. Die Anreize reichten nicht aus.

Alternativen Versorgungsmodellen wie Gemeinschaftspraxen stehe man aufgeschlossen gegenüber, beteuerte John. Von den einst viel gepriesenen medizinischen Versorgungszentren (eine Art Poliklinik) halten Sachsen-Anhalts Ärztevertreter aber nichts. Da diese Einrichtungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten, würden sie sich nur in den Ballungszentren rechnen. Die Versorgungssituation auf dem Land würde so nur verschärft.

Von Christian Wohlt

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