Interview mit dem Intendanten der Altmark-Festspiele, Reinhard Seehafer, über das Musikinteresse der Altmärker

Kultur darf nicht an Ortsschildern aufhören

Anspruchsvolle Kultur im ländlichen Raum als Erfolgskonzept: Die Förderer, Initiatoren und Macher der Altmark-Festspiele mit Intendant Reinhard Seehafer (5.v.l.) und dem neuen Schirmherren Prinz Oskar von Preußen (4.v.l.).
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Anspruchsvolle Kultur im ländlichen Raum als Erfolgskonzept: Die Förderer, Initiatoren und Macher der Altmark-Festspiele mit Intendant Reinhard Seehafer (5.v.l.) und dem neuen Schirmherren Prinz Oskar von Preußen (4.v.l.).

Altmark. Das Werden der Altmark-Festspiele ist aus kultureller Sicht einzigartig für die Region. Zum Ende dieses Jahres wird ein neuer Besucherrekord geknackt werden.

AZ-Mitarbeiter Kai Zuber sprach mit dem Intendanten Reinhard Seehafer über das Kunstverständnis der Altmärker und die weiteren Ziele der Festspiele.

Vorschau aufs nächste Jahr: Septura Brass, britische Blechbläserkunst der Spitzenklasse aus London, wird im Rahmen der Altmark-Festspiele am Sonntag, 3. Juni 2018, ab 16 Uhr in der Letzlinger Schlosskirche auftreten.

Interview

AZ: Im Anfangsjahr 2014 lagen die Besucherzahlen der Altmark-Festspiele bei 799. Sie stiegen dann 2016 auf beachtliche 4671 an. Wo stehen die Zahlen aktuell?

Reinhard Seehafer: Endgültige Zahlen kann es natürlich erst am Jahresende, also nach den Adventskonzerten der Altmark Festspiele geben. Aber schon jetzt sieht es so aus, dass wir in diesem Jahr eine weitere Steigerung der Besucherzahl haben und die 5000 überschreiten werden.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Altmark Festspiele? Wollen Sie sich mit anderen deutschen Festspielen messen?

Für mich bedeutet Kunst und Kultur mehr als nur ein Kräftemessen wie etwa beim Sport. Der große ungarische Komponist Bela Bartok sagte einmal: „Wettbewerbe sind etwas für Pferde, nicht für Künstler.“ Musik, Bilder und Wörter erreichen Ebenen unseres Gefühlslebens, die mit Zahlen nicht zu erfassen sind und die in der heutigen, manchmal allzu schnellen Zeit oftmals überlagert werden. Das Sprechen über Kunsterlebnisse, der Austausch und die Vermittlung findet daher oft nicht mehr in der notwendigen Form statt, auch weil uns immer mehr Worte und Vokabeln verloren gehen. Wir reduzieren und optimieren unsere Sprache auf das gerade Notwendige. Diese ist aber der Schlüssel zum Verständnis der Kunst und gleichwohl zu einem kultivierten zwischenmenschlichen Miteinander. In Frankreich nimmt sich die „Académie française“ den Fragen der Sprachkritik und der Sprachpflege an. Wichtiger also als jedes Kräftemessen in der Kunst, zwischen den Künstlern, der Theater und der Festivals wäre ein gesamtgesellschaftlicher Konsens, sich des Problems anzunehmen unsere Sprache zu rekultivieren.

Die Altmark ist ein dünn besiedelter Landstrich. Wie erklären Sie den Erfolg Ihres bisherigen Konzeptes?

Kultur darf nicht an den Ortsschildern der Ballungsräume aufhören. Ganz im Gegenteil. Schauen wir auf unsere zahlreichen herrlichen Altmark-Kirchen, von den kleinen Dorfkirchen bis zu den Domen in Stendal und Havelberg, den wunderschön renovierten Gutshäusern, den Museen – alles in allem ist die Altmark eine Region, in der die Schönheit regiert. „Kultur an besonderen Orten“ – vielleicht ist dies der Teil des Konzeptes, der den erfolgreichen Start ermöglicht hat.

Wie schätzen Sie den Musikgeschmack der Altmärker ein? Immerhin gab es hier nie eine höfische Kultur wie in Hannover, Potsdam, Schwerin oder Magdeburg.

Ich glaube nicht, dass man dies heute noch in einen Zusammenhang bringen kann. Wir leben in einer sehr vernetzten Welt. Die musikinteressierten Altmärker haben nach meiner Beobachtung ein auffallendes Gespür für die Qualität der dargebrachten Leistungen.

Wie wollen Sie die Jugend begeistern und an die klassische Musik heranführen?

Das ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Es gibt in Deutschland eine ganze Reihe von Initiativen, die sich mit diesem Thema befassen. Der Deutsche Musikrat hat eben darüber informiert, dass nahezu 80 Prozent des Musikunterrichts an unseren Schulen regelmäßig ausfällt. Und das in der viertgrößten Industrienation der Welt, die darüber hinaus noch die Kulturleistung für sich beanspruchen kann, die Musik als Kunstform mitbegründet und entscheidend weiterentwickelt zu haben. Die Altmark-Festspiele führen seit 2014 das Projekt „Klangspuren“ durch, bei dem junge, hochbegabte und preisgekrönte Musiker den nahezu gleichaltrigen Schülern in der Altmark klassische Musik emotional mitreißend darbieten und erklärend vermitteln. Wir arbeiten dabei eng mit dem erfolgreichen Hamburger Tonali-Projekt zusammen. Fast 2000 Schüler in der Altmark hatten bereits die Gelegenheit dies mitzuerleben.

Wunderbarerweise gab es unter Ihrer künstlerischen Leitung bislang keine sogenannten musikalischen Crossover-Projekte wie bei anderen Festspielen. Hat das einen besonderen Grund?

In der Regel sind die Cross-over-Projekte sinnfreie Vermischungen von Dingen, die nicht zusammengehören. Die vermischten und verschiedenen Musikrichtungen sind die Verlierer dieser Modeerscheinung und das Ergebnis schmeckt wie abgestandener, kalter Kaffee. Unter dem Deckmantel einer innovativen Alternative zum traditionellen Musikbetrieb erreicht man – wohl des schnellen Geldes wegen – eine Entkultivierung des musikalischen Grunderlebnisses.

Identitätsstiftend für die Region als oberstes Ziel sollen die Konzerte sein. Wie ist das bislang gelungen?

Wenn die Besucher freudig, lächelnd und bereichert aus unseren Veranstaltungen her-ausgehen, dann ist dies darüber hinaus auch sinnstiftend und bereinigt die Seele. Diese Form der Katharsis ermöglicht uns zumindest für ein paar Momente die Welt so zu sehen, wie sie sein könnte.

Entscheidend im Sinne identitätsstiftender Arbeit ist für mich das einzigartige Engagement von sieben Unternehmen aus der Altmark, die als Gesellschafter die Altmark Festspiele gGmbH tragen. Auch allen Unterstützern, Spendern und Sponsoren muss gedankt werden und dabei nicht zuletzt Hasso von Blücher, der 2014/15 den Start der Festspiele von Zichtau aus überhaupt erst ermöglichte.

Welche Innovationen ergeben sich durch die neue Schirmherrschaft?

Lassen Sie mich zunächst an den im März 2016 verstorbenen ersten Schirmherren der Festspiele, Bundesaußenminister a. D. Hans-Dietrich Genscher, erinnern. Durch seine Kriegsgefangenschaft hatte er eine große persönliche Affinität zur Altmark. Leider konnte seine geplante Reise zu den Altmark-Festspielen nicht mehr stattfinden. Seine Nachfolge hat vor wenigen Tagen der Herrenmeister des Johanniterordens, Oskar Prinz von Preußen, übernommen.

Anlässlich eines Konzertes in Stendal ist er in die Altmark gekommen und hat in seiner Ansprache die Besonderheiten der Altmark und der Altmark-Festspiele beeindruckend hervorgehoben. Großes Interesse zeigte er auch an den Konzerten in sozialen Einrichtungen wie Seniorenheimen und Krankenhäusern.

Wie geht es weiter mit dem Programm für Kinder?

Wir sind bemüht unser Klangspuren-Projekt flächendeckend in der Altmark weiter zu entwickeln. Damit diese Form der Bildung für die Kinder und Jugendlichen weiterhin kostenfrei bleiben kann, sind wir für jede Hilfe und Anregung dankbar.

Herr Seehafer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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