Kuhfelde: Corona - dramatische Lage der Gastronomen

Durch die Pandemie ganz unten

Inhaberin Jennever Seitz und ihr Auszubildender, der Koch Tobias Wilke, im leeren Gastraum des „Kuhfelder Hofes“
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Inhaberin Jennever Seitz und ihr Auszubildender, der Koch Tobias Wilke, im leeren Gastraum des „Kuhfelder Hofes“: Die Gastronomen leiden unter dem Lockdown, für den sie noch kein absehbares Ende erkennen.
  • Holger Benecke
    vonHolger Benecke
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„Wenn unsere Regierung so weitermacht, könnte es sein, dass Hotels und Gaststätten bald so aussehen!“ Diese Tafel prangte vor dem „Kuhfelder Hof“ und die Fassade des Hotels war mit gekreuztem Absperrband beklebt. Inhaberin Jennever Seitz machte damit auf die Situation der Wirte aufmerksam. Denn nicht nur ihr, sondern auch allen Gastronomen geht die Luft aus.

Salzwedel / Kuhfelde – „Es geht um die Zukunft. Ich will keine 75 Prozent fürs Nichtstun, sonder für ordentliches Geld arbeiten“, sagt Jennever Seitz.

Apropos 75 Prozent: Die Anträge für Januar und Februar für Corona-Beihilfen seien erst seit vergangener Woche online, blickt die Hotel-Inhaberin auf die aktuelle Lage. Jede Menge Lebensmittel musste sie schon vor einiger Zeit entsorgen: „Wir mussten auch den Froster komplett leer räumen.“ Inzwischen sei auch die Haltbarkeit der letzten Getränke – Bier und Alkoholfreies – abgelaufen. Ihre Familie – beide Kinder und den Mann – hat sie schon vor einiger Zeit entlassen müssen (wir berichteten).

Neben einer Reinigungskraft beschäftigt sie noch die beiden Auszubildenden. Das muss sie. Gestern schnippelte Koch Tobias Wilke in der Küche Gemüse. Er übte für seine Prüfung. Wilke ist im dritten Lehrjahr und wird ein halbes Jahr länger machen müssen – wegen Corona. Restaurantfachfrau Meslissa Wittke, die im zweiten Lehrjahr ist, muss wegen der Pandemie gleich ein ganzes Jahr nachholen.

Der „Kuhfelder Hof“ während der Aktion, mit der Gastronomen auf ihre Situation aufmerksam gemacht haben.

„Je länger wir geschlossen haben, desto schlimmer wird es“, bilanziert Jennever Seitz. Besonders schlimm sei es an den Wochenenden. Da wären nicht einmal die Monteure im Hotel, ist es für die Gastronomin auch eine große Belastung unverschuldet nicht arbeiten zu dürfen: „Das geht auf die Psyche.“ Doch: „Zum Glück haben wir noch die Handwerker“, klammert sie sich an den letzten Strohhalm. Doch dort sah es auch nicht sehr rosig aus. Zwei Wochen lang war wegen des Wintereinbruchs kein einziges Bett belegt. Nun kommen die Montagearbeiter wieder – aber verhalten. Für vorgestern hätten fünf und für gestern vier gebucht – aber jeweils nur für eine Nacht.

„Um diese Zeit hatten wir sonst immer die Bücher für das ganze Jahr voll. Jetzt haben wir eine Feier und zwei Tagungen, von denen wir noch nicht wissen, ob sie wirklich stattfinden können“, denkt Jennever Seitz an vergangene Jahre, wo Motorradfahrer, Radtouristen, Pfingsturlauber, Seminaristen und Besucher der Kulturellen Landpartie im „Kuhfelder Hof“ übernachteten und speisten.

Koch Tobias Wilke übte gestern für seine bevorstehende Prüfung. Gäste hat er keine.

„Und jetzt? Je länger wir zu machen müssen ... was denkt sich die Regierung? Wenn wir wieder öffnen dürfen, rennen uns die Gäste das Hotel ein?“, fragt Jennever Seitz. „Wohl eher nicht“, beantwortet sie ihre Frage gleich selbst. Und ihre Aktion, auf das Schicksal der Gastronomen aufmerksam zu machen, hat bei vielen Menschen, die das gesehen haben, für Entsetzen gesorgt. „Damit haben wir allen klar gemacht, was künftig passieren könnte, wenn der Lockdown für die Hotellerie und Gaststätten noch länger dauert“, schildert sie die Auswirkungen.

Hinzu kommt, dass es sie auch privat trifft. Seit 20 Jahren bewirtschaftet sie den „Kuhfelder Hof“. Kinder und Mann hat sie schon entlassen müssen. Und sie dann noch Arbeit hätten,wenn es noch einge ganze Weile so weitergeht, das wissen sie auch nicht. Doch noch hält Jennever Seitz, Gastronomin mit Leib und Seele, eisern durch. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

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