Einflüge nehmen kein Ende / Schutzgebiet mutiert zum Übungsgebiet

Kriegsspiele: In Bierflaschenhöhe über das Grüne Band

Im Tiefstflug: Die NH-90 aus Faßberg fliegen Attacken aufs Schutzgebiet.
+
Im Tiefstflug: Die NH-90 aus Faßberg fliegen Attacken aufs Schutzgebiet.

Salzwedel – „Sie fliegen immer noch“, berichten die Bewohner vom ehemaligen Grenzgebiet. Der Bundeswehr ist es offenbar schnurzpiepegal, dass Landwirte, Jäger und Naturschützer Sturm gegen die Hubschrauberflüge am Grünen Band bei Salzwedel laufen.

Was dafür läuft: Nachfragen an die zuständigen Stellen – die laufen nämlich ins Leere. Sei es beim zuständigen Landeskommando Sachsen-Anhalt in Magdeburg, dem übergeordneten Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin oder bei der Truppe selbst – in diesem Fall beim Transporthubschrauberregiment 10 „Lüneburger Heide“ in Faßberg.

Nach kurzer Pause ging es massiv weiter

Eine Dienststelle verweist auf die andere. Auskünfte gibt es nicht – immer wieder Vertröstungen. Dabei sind die Tiefstflüge ins Grüne Band mit seinen zahlreichen Schutzgebieten seit 2004 von Naturschützern dokumentiert. Bereits im Juni hatten die Helikopter-Attacken zugenommen. Absetzübungen an Grenztürmen wurden geübt. Als Beschwerden bei den genannten Stellen der Bundeswehr eintrudelten, herrschte etwa anderthalb Monate Ruhe am Grünen Band. Die zahlreichen Vogelbestände konnten sich ein wenig erholen. Zur Erinnerung: Das Grüne Band – die ehemalige innerdeutsche Grenze – ist der größte Biotopverbund Deutschlands. In den dazugehörigen 150 Naturschutzgebieten kommen 600 in Deutschland bedrohte Arten vor.

Frontabschnitt von Cheine bis Mechau

Und auch die Rinder- und Schafsherden konnten sich wieder etwas beruhigen. Im August ging es dann wieder los. Die Faßberger Flieger übten ihre Kriegsspiele erneut am Grünen Band. Als Frontabschnitt hatten sie sich das Gebiet zwischen Cheine und Mechau auserkoren, in dem sie mit ihren NH-90-Helikoptern Tiefstflüge in Bierflaschenhöhe exerzierten.

Das brachte erneut die Landwirte und Tierschützer auf die Barrikaden. Herdenmanager Julius Kurzweg von der Agrarerzeugergemeinschaft Pretzier, eines der größten landwirtschaftlichen Unternehmen der Region, und Olaf Olejnik vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) taten sich zusammen. Auch sie bekamen keine Antworten bzw. solche wie: Man hätte an dem und dem Tag gar keine Maschinen in der Luft gehabt. Selbst der Altmarkkreis wurde über die seit Jahren dauernden und immer massiver werdenden Einflüge der Bundeswehr nicht informiert.

„Es wird daran gearbeitet“

Nach Landwirten und Tierschützern fragte die Altmark-Zeitung beim Landeskommando in Magdeburg nach. Dort kramten die Verantwortlichen den alten Artikel aus dem Juni hervor und waren wohl mehr über einen neuen Artikel erstaunt als darüber, dass immer noch ohne Vorwarnung geflogen wird. Nach einer erneuten Anfrage hieß es dann: „Aufgrund Ihrer Berichterstattung wird daran gearbeitet.“ Doch gearbeitet wird nur von den Hubschrauberbesatzungen – die fliegen nämlich fleißig weiter, wie Landwirte, Naturschützer und Jäger berichten. Auch die gestrige AZ-Anfrage beim Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin brachte nichts Erhellendes. Das Landeskommando in Magdeburg sei zuständig, aber man wolle sich kümmern. Die AZ erreichen derweil weitere Fotos von Anliegern am Grünen Band, die die Helis im Tiefstflug zeigen.

Korridor in Richtung Osten

Unter der Hand erfuhr die AZ, dass irgendwann einmal zwischen dem Verteidigungs- und dem Bundes-Verkehrsministerium ein Tiefflugkorridor „von Faßberg in Richtung Osten“ ausgehandelt worden sein soll. Und anders wie bei den Bodentruppen, die sich für ihre Manöverspiele vorher beim Altmarkkreis anmelden müssen, richten sich die Flieger nach dem Wetter und besteigen bei Sonnenschein ihre Hubschrauber, um am Grünen Band Krieg zu spielen. Eine Sache, die zudem kein Altmärker versteht, wo doch ganz in der Nähe, in der Letzlinger Heide, die Übungsstadt Schnöggersburg für 140 Millionen Euro gebaut wurde. Und mit der Lüneburger Heide, Munster und der Letztlinger Heide ist ringsum jede Menge Übungsgebiet vorhanden, statt am Grünen Band bedrohte Arten und Milchrinder mit Tiefflügen aufzuschrecken. VON HOLGER BENECKE

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare