20-jähriger Salzwedeler im „Hanseat“ brutal verletzt / Bands und Veranstalter zu Besuch im Uni-Klinikum

Vom Konzert auf die Intensivstation

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Benjamin Wagner einige Tage nach seiner OP im Magdeburger Uni-Klinikum: Bei einer Hardcore- und Beatdown-Show im „Hanseat“ bekam der 20-Jährige einen Fuß ins Gesicht.

Salzwedel / Magdeburg. Die Nase in Gips, ein Auge zugeschwollen – dennoch wirkt Benjamin Wagner vier Tage nach seiner schweren Operation im Uni-Klinikum Magdeburg recht gefasst.

Dabei ist der 20-jährige Salzwedeler nur einen Millimeter an einem Blutgerinsel im Kopf und damit seinem möglichen Tod vorbeigeschrammt.

Was war passiert? Der junge Mann besucht am 13. Oktober ein Konzert im Salzwedeler „Hanseat“. Es läuft Hardcore- und Beatdown-Musik – das Härteste, was es momentan in der Rockwelt gibt. Dementsprechend geht auf der Tanzfläche die Post ab. In der Mitte vor der Bühne bewegen sich fast ausschließlich junge Männer um die 18, 20 Jahre. Sie lassen die Arme kreisen und schlagen in die Luft. Immer wieder holen einige zu halsbrecherischen Tritten aus. Die Füße sausen haarscharf an Köpfen vorbei, doch es passiert nichts. Erstmal.

Als die zweite Band des Abends, Butcher aus Magdeburg, auf der Bühne steht, hat Benjamin Wagner bereits Taschentücher in der blutenden Nase. „Das war nicht weiter schlimm“, erzählt er rückblickend. Der Salzwedeler steht am Rand der tanzenden Menge. Plötzlich sieht er einen Fuß auf sich zufliegen. Mehr weiß er nicht mehr. „Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als ich backstage auf einem Tisch lag“, erinnert sich der 20-Jährige.

Sofort holen die Verantwortlichen den Rettungsdienst, der den jungen Mann ins Salzwedeler Krankenhaus bringt. Dort kommen die Ärzte schnell zu dem Entschluss, dass Wagner in Magdeburg operiert werden muss. Die Nase ist gebrochen und hätte beinahe die Stirn durchstoßen. „Das Nasenbein war ein einziger Trümmerhaufen“, erklärt die Mutter des Verletzten, Kathrin Wagner.

Die Operation am Dienstag nach dem Konzert dauert mehrere Stunden und ist gut verlaufen. Allerdings steht noch nicht fest, ob der Salzwedeler sein volles Sehvermögen wiedererlangt. Momentan kann Benjamin Wagner nur auf einem Auge etwas sehen.

Am Sonnabend besuchten die Bandmitglieder von Butcher und Carrydale sowie die Veranstalter des Abends vom Autonomen Zentrum, die seit dem Unfall mit der Familie des 20-Jährigen ständig in Kontakt standen, den Salzwedeler im Uni-Klinikum. Alle zeigten sich bestürzt darüber, was mit dem jungen Mann passiert ist.

„Ich habe so etwas Extremes noch nie auf einem Konzert erlebt“, erklärte Volker Arns von Butcher. „Es ist in letzter Zeit häufiger geworden, dass es die Leute persönlich nehmen, wenn sie auf der Tanzfläche etwas abbekommen. Sie gehen dann zum Teil gezielt auf andere drauf“, schätzte Arns ein. Aber: „Beatdown ist nicht dazu da, eine Klopperei anzuzetteln. Das lief früher ganz anders. Auf der Tanzfläche hat jeder auf den anderen geachtet“, sagt der Magdeburger. Die Konsequenz aus dem Vorfall für die Gruppe: „Wir spielen vorläufig keine Konzerte“, sagte Volker Arns stellvertretend für Butcher.

In das gleiche Horn bläst Robert Scherer von Carrydale: „Wir stehen seit zwei Jahren auf der Bühne und haben seitdem keine so starke Verletzung bei einem unserer Konzerte erlebt. Als ich die Nachricht von dem Unfall bekam, war ich schlichtweg schockiert.“

Die Organisatoren des Konzertes vom Autonomen Zentrum Salzwedel haben für sich ebenfalls einen klaren Entschluss gefasst: „Unter diesen Voraussetzung veranstalten wir keine weiteren Beatdown- und Hardcore-Shows.“ Andernorts würden solche Konzerte ohne schwerwiegende Verletzungen laufen: „In Wolfsburg und Haldensleben funktioniert das richtig gut. Daran wollen wir uns orientieren“, erklären die Veranstalter, die gleichzeitig auch die Sicherheitskräfte mit ins Boot holen wollen um zu besprechen, wie solche Verletzungen verhindert werden können.

Für Benjamin Wagner steht jedensfalls fest: „Künftig werde ich in der zweiten oder dritten Reihe stehen.“ Und: „Im Hansa ist zu wenig Platz für solche Aktionen.“

Kathrin Wagner formuliert es etwas drastischer: „Einige sollten langsam mal ihren Kopf einschalten. Das ist kein Pillepalle mehr“, appelliert die Salzwedelerin. Die Jugendlichen müssten darauf achten, was um sie herum passiert.

Benjamins Vater Michael Wagner wünscht sich außerdem mehr Konsequenz von den Sicherheitskräften: „Wer sich nicht an die Regeln hält, muss zehn Minuten vor die Tür. Hat es der Betreffende dann immer noch nicht kapiert, muss er ganz rausfliegen.“

Von Marco Heide

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