Von Kosten bis Krankheiten: 77 Fragen an den Landtag

CDU schießt sich weiter auf den Wolf ein: „Konflikte und Koexistenz“

Keine Frage: Jäger und Wolf sind Konkurrenten. Doch es geht um gemeinsame Koexistenz und Wahrung der Interessen.
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Keine Frage: Jäger und Wolf sind Konkurrenten. Doch es geht um gemeinsame Koexistenz und Wahrung der Interessen.

Altmark. „Wiederansiedlung des Wolfes – Konflikte und Koexistenz von Mensch und großem Beutegreifer in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft“, so ist die Große Anfrage der CDU-Landtagsfraktion an den Landtag von Sachsen-Anhalt betitelt. Der Katalog mit zum Teil äußerst kritischen Fragen liegt der Altmark-Zeitung vor.

„Erst sollte es nur eine Kleine Anfrage werden, doch dann ist daraus eine Große geworden, an der viele Experten aus der CDU-Fraktion, seit Wochen mitgearbeitet haben“, sagte CDU-Landtagsmitglied Carsten Borchert aus Jübar der AZ auf Anfrage. Borchert hat an der Ausarbeitung der Fragen mitgearbeitet.

77 Fragen an den Landtag

Neben dem Wolf hat sich vor allem im Harz auch der Luchs stark vermehrt. Wildarten wie das Damwild sind dagegen bedroht.

77 Fragen an den Landtag sind es nun geworden (wir berichteten). Die Landes-CDU schießt sich damit weiter auf das Thema Wolf ein. Doch auch Probleme mit dem Luchs werden im Rahmen der Fragen angesprochen. Fazit: Die Große Anfrage, so ist zu vermuten, wird noch weitere Kreise ziehen als nur auf Landesebene. Laut Borchert werden wohl zu vielen der Fragen auch Bundesbehörden Auskunft geben müssen. Ja sogar europaweit, so meinen Experten, wird dieser Fragenhagel Staub aufwirbeln.

Denn: Erstmals werden unterschwellig, aber sehr konkret, Zweifel an der von offizieller Stelle immer wieder geäußerten These formuliert, der Wolf habe sich nach der Wende ohne Zutun des Menschen seinen neuen Lebensraum gen Westen erobert. Vor allem Truppenübungsplätze (Bundesflächen) geraten dabei als erste dokumentierte Lebensräume der neuen Wölfe ins Visier der Fragesteller.

Isegrim von Menschen ausgesetzt?

Fragen über Fragen: Die Landes-CDU schießt sich weiter auf den Wolf ein. 77 Fragen wurden nun an den Landtag gestellt.

Die Skepsis kommt in folgenden Fragen zum Ausdruck: „Ist eine Beeinflussung der Wolfspopulation auf Truppenübungsplätzen zum Beispiel durch gezielte Umsetzungen von Einzeltieren aus anderen Beständen bekannt?“ Und: „Ist bekannt, ob Wolfsvorkommen auf Truppenübungsplätzen durch Menschen, welche nicht unmittelbar im Auftrag von Behörden handeln, betreut oder zwecks Blutauffrischung durch umgesetzte Wölfe ergänzt wurden?“ Konkret wird also die Frage gestellt, ob in Deutschland Wölfe von Menschenhand ausgesetzt und betreut wurden.

Die 77 Fragen an die Landesregierung zu Wolf und Luchs sind in sieben Kapitel unterteilt: Entstehung der Wiederansiedlung, Wissenschaftliche Grundlagen und Datenerhebung, Aufwand und Kostentransparenz, Herkunft und genetischer Austausch, Krankheiten und Gefahrenabwehr und Kooperation sowie Koordination mit länderübergreifender Zusammenarbeit. „Als der strenge Schutzstatus für den Wolf vor 25 Jahren eingeführt wurde, gab es keinen einzigen Wolf in Deutschland“, heißt es eingangs.

Ein neues Management

Neben dem Muffelwild steht auch das Damwild auf dem bevorzugten Speisezettel der Wölfe.

Sogleich wird mit dem rasanten Anstieg des Wolfsaufkommens die Frage nach Änderung des Wolfsmanagements gestellt. In Sachen Datenerhebung des Wolfsbestands werden die aktuellen Zahlen der amtlichen Wolfsstatistik hinterfragt. Hintergrund: Kritiker beklagen bereits seit Monaten, dass die aktuellen Zahlen der Wolfsrudel und Einzelwölfe hinter den tatsächlichen Zahlen hinterherhinken. Doch auch der Charakter des Raubtieres selbst, so wird vermutet, habe sich wegen des strengen Schutzstatus verändert. Nur so sei zu erklären, dass Isegrim bereits am helllichten Tag im dicht besiedelten Wohngegenden anzutreffen ist. „Welche Verhaltensweisen sind zu erwarten?“, wird konkret gefragt. Und: Auf den Cent genau sollen die Kosten in Sachen Wolf ermittelt werden, denn die muss letztlich der Steuerzahler berappen.

Die Auflistung nach Haushaltsjahren, Titeln und Programmen ist hinterfragt. „In welchem Verhältnis stehen diese Aufwendungen zum Beispiel zu denen anderer bedrohter Tierarten?“, lautet eine weitere Frage. Dazu kommen angeforderte Kostenschätzungen und Prognosen für die kommenden Jahre. In Sachen Jagd wird das Problem der Großrudelbildung und der mögliche Schadensausgleich durch das Wolfsmanagement angesprochen.

Weiterhin angefragt wird eine Beschleunigung des Verfahrens beim Abschuss von Problemwölfen und eine engere Zusammenarbeit mit regionalen Landnutzern. Hinterfragt wird in Sachen Veterinärmedizin der Umgang mit Krankheiten wie Tollwut, Staupe, Räude oder der Aujeszkyschen Krankheit.

Wolfsangriffe und totes Muffelwild

Seit über 200 Jahren bereichert das Muffelwild die heimischen Wälder. Solche Trophäen gehören wohl bald der Vergangenheit an.

Auch die genaue Zahl der Wolfsangriffe von 2013 bis 2017 soll auf den Tisch. Besondere Sorge äußert sich zum Schutz des seit über 200 Jahren in Mitteleuropa lebenden Muffelwildes. „Wie kann verhindert werden, dass es durch die Wiederansiedlung der beiden großen Beutegreifer Wolf und Luchs ausgerottet wird?“, heißt es. Auch die Zahl der Risse an Nutztieren sowie die Zahl der verletzten Tiere soll auf den Tisch. Die letzten der 77 Fragen betreffen die Zusammenarbeit der Behörden von Bund, Land und innerhalb Europas, denn in einigen Nachbarländern gibt es bereits eine funktionierende Bestandsregulierung des Wolfes: „Wie werden Bestände in anderen Ländern reguliert und welche Erfahrungen wurden beim Vergrämen von Wölfen gemacht, um sie von Schulen, Kindergärten, Weiden oder Siedlungen fernzuhalten?“

Von Kai Zuber

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