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Was ist Massentierhaltung?

Kunrau, Neuekrug, Vissum, Binde – diese vier altmärkischen Orte haben eines gemeinsam: Hier bricht moderne Intensivtierhaltung als Fremdkörper in eine von den Bewohnern so empfundene ländliche Harmonie ein. Wo immer Pläne für diese Mastställe bekannt werden, formiert sich Bürgerprotest der sonst eher zurückhaltenden Altmärker.

Doch wo beginnt die Massentierhaltung? Vor 100 Jahren dürften 100 Schweine eine unvorstellbare Zahl gewesen sein, heute können 300 Schweine einen Landwirt allein nicht mehr ernähren. Als Intensivtierhaltung definiert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Ställe, in denen weniger als zehn Prozent der Futtertrockenmasse im eigenen Betrieb erzeugt wird.

Konkreter wird eine EU-Verordnung, wonach die Schwelle zur Massentierhaltung bei 40 000 Stück Geflügel, 2000 Mastschweinen oder 750 Muttersauen überschritten wird. Gewonnen ist mit solcher Definition wenig. Ganz neu ist diese Ballung von Tieren zwecks Fleischerzeugung nicht. Die Zusammenfassung der kleinteiligen bäuerlichen Landwirtschaft war ein Kernelement der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), die häufig mehrere Orte umfassten. Riesige Stallanlagen zeugen heute noch von der Intensivviehhaltung made in GDR. Ackerbau- und Viehzuchtbetriebe waren organisatorisch getrennt. Die LPG-Nachfolgebetriebe profitieren noch heute von einem Vorsprung in Sachen Flächenzusammenlegung, Einsatz großer Maschinen, rationale Hofanlage, Tierhaltung im großen Maßstab und Abkopplung von den Zufällen familiärer Arbeitskräfte.

Auf der anderen Seite stehen Landwirte wie die drei Bad Bentheimer, die nördlich von Kunrau 8250 Schweine mästen wollen, unter dem seit Jahrzehnten gepredigten Zwang des „Wachsen oder weichen!“ Kann man es ihnen verdenken, dass sie unter den gegebenen Rahmenbedingungen versuchen, notfalls über 300 Kilometer von ihren Höfen entfernt einen großen Maststall zu bauen, um auf dem knallharten Markt mitzuhalten? Dass sie im Emsland, das für die höchste Schweinedichte in Deutschland bekannt ist, keine Flächen mehr zur Aufnahme der Gülle finden, zeigt schon die Probleme.

Gülle ist ein wertvoller organischer Dünger und wird in Biogasanlagen verstromt, im Übermaß bedroht er jedoch das Grundwasser mit Nitrat. Hinzu kommen Fragen des Tierschutzes oder der massive Einsatz von Antibiotika. Ein entscheidender Satz findet sich im Wikipedia-Artikel zur Intensivtierhaltung: „In Umfragen zeigt sich, dass Verbraucher durchaus Bedenken zwecks Lebensmittelsicherheit und Haltungsbedingungen haben, dies jedoch ihre Kaufentscheidung häufig nicht beeinflusst.“

Von Gerhard Sternitzke

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