Von Woche zu Woche

Kommentar: Kennen Sie Ihren Abgeordneten?

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Dunkle Wolken über dem Bundestag (Symbolfoto).

Es waren die guten alten Zeiten. Meint mancher Politiker. Damals, als es noch übersichtlich war. Jahrzehntelang galt in (West-)Deutschland das Prinzip: Entweder regiert die CDU.

Oder die SPD. Wenn nicht alleine, dann mit einem Junior-Partner. Meist war es – in Ermangelung von Alternativen – die FDP. Ab den 1980er Jahren auch mal die Grünen. Und nach der Wende im Osten mancherorts die heutige Linkspartei.

Doch heute? Die sogenannten Volksparteien erodieren. Ihr Stimmenanteil schrumpft stetig. Erst bei den Sozialdemokraten, neuerdings auch bei den Christdemokarten.

Und was tut man, wenn einem die Wähler – also die Kunden – weglaufen? In der Wirtschaft gibt es Werbung und Aktionen. Bei den Volksparteien? Da herrscht Ratlosigkeit. Man tagt untereinander, befragt vielleicht mal die (Partei)-Basis. Aber packt das Übel nicht an der Wurzel. Und die heißt Volksnähe.

Eine einfache Frage: Wann haben Sie zuletzt Ihren Landtags- oder Bundestagabgeordneten gesehen? Ich meine nicht in der Zeitung, im Fernsehen oder auf Wahlplakaten. Sondern ganz real. Von Angesicht zu Angesicht. Die meisten werden wohl antworten: Das ist lange her. Oder auch: Keine Ahnung, wer das überhaupt ist.

Und woran liegt das? Nicht am Wähler. Sondern an den Gewählten. Denn sie lassen sich allzu selten vor Ort, bei ihren Wählern, blicken. Mancher könnte einwenden: Stimmt nicht. Der Herr X oder die Frau Y war doch zuletzt bei der und der Tagung. Hat diesen und jenen Betrieb besichtigt. Hat sich mit Bürgermeistern und Vereinsvorsitzenden unterhalten.

Schön und gut. Aber sind das „die Wähler“? Eher nicht. „Der Wähler“ ist auch und vor allem die vierköpfige Familie, die am Frühstückstisch über die steigenden Benzinpreise, die horrenden Mieten, die fehlenden Einkaufsmöglichkeiten und die langen Schulwege diskutiert. Und eben nicht über die Frage, wann es denn endlich Gender-Toiletten in Restaurants gibt.

Mir ist nicht bekannt, dass sich irgendwann mal ein Bundes- oder Landespolitiker bei einer solchen Familie oder bei einem Rentner-Ehepaar in der Dreiraumwohnung zum Kaffee eingeladen hat und über deren Probleme gesprochen hat.

Vor wenigen Wochen sah ich auf dem Wochenmarkt den Stand einer Partei. Dabei war doch gar kein Wahlkampf. Es handelte sich nicht um eine der sogenannten Volksparteien. Sondern um eine Partei, die erst nach der vergangenen Wahl ins Parlament eingezogen war.

Von Stefan Schmidt

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