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Karl Marx, die zweite Chance

Er wundere sich, dass es heutzutage noch eine Schule gibt, die den Namen von Karl Marx trägt. Das sagte der Architekt der neuen Gardelegener Sekundarschule jüngst beim Richtfest. Mittlerweile steht fest:

Auch nach dem Umzug in den Neubau in knapp einem Jahr wird die Karl-Marx-Sekundarschule weiterhin Karl-Marx-Sekundarschule heißen. Das hat die Gesamtkonferenz entschieden. Dabei verbindet man doch Karl Marx gemeinhin mit Marxismus, Sozialismus, der DDR. Selbst Karl-Marx-Stadt hieß 1990, kurz nach der Wende, schon wieder Chemnitz. Besteht die Gesamtkonferenz also aus Ewiggestrigen?

Keinesfalls.

Wäre Karl Marx zu DDR-Zeiten in die SED eingetreten? Wahrscheinlich ja, jedenfalls in die SED der jungen DDR. Wäre er dringeblieben? Vermutlich nicht. Ich wage die These: Er hätte sein Parteibuch irgendwann zurückgegeben. Oder er wäre aus der Einheitspartei ausgeschlossen worden. So wie es die SED mit manchen „ehrlichen“ Kommunisten, auch der ersten DDR-Stunde, später getan hat. Die Nomenklatura der Mittelmäßigen, Wichtigtuer und Trunkenbolde, wie es sie in der DDR-Führung vor allem in den 1980-er Jahren gegeben hat, wäre Karl Marx zuwider gewesen. Parteibonzen, die von Werktätigen und Arbeiterklasse sprachen, oft genug aber nie selbst an der Werkbank standen. Die genau diese, angeblich „ihre“ Klientel in rückständigen Fabriken, verrotteten Werkhallen und verpesteten Städten schuften ließen. Und ihnen eine Weltanschauung aufdrückten, ohne dass sie sich die Welt selbst anschauen konnten. Ironie der Geschichte: Das Grab von Karl Marx konnten DDR-Bürger vor 1989 nicht besuchen. Es befindet sich inmitten der Kapitalismus-Metropole London.

Was ist eigentlich schlimm an Karl Marx? Er war einer der ersten Intellektuellen, die sich dem Thema Arbeiter und Arbeiterklasse widmeten. Dass spätere Generationen, allen voran die DDR, ihn für sich politisch-ideologisch proklamierten, das kann man ihm selbst nicht vorwerfen. Dagegen konnte er sich nicht mehr wehren.

Mehr noch: Karl Marx hätte vermutlich eine Eingabe geschrieben. Nämlich dass sein Name aus der Gardelegener Sekundarschule gestrichen und sein Namenszug am Haupteingang schleunigst abmontiert werden soll. Eine derart heruntergekommene Bildungseinrichtung, teilweise schon zu DDR-Zeiten: Damit möchte wohl niemand wirklich mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden.

Also: Gebt Karl Marx eine zweite Chance. In einer neuen und modernen Schule. Ab Ende August 2013.

stefan.schmidt@az-online.de

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