Karen Hinz kämpft mit Kunstwerken gegen ihre Krankheit

Dem eigenen Leben den Krieg erklärt

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Das Mädchen mit der Flüsterstimme: Karen Hinz kämpft mit kreativer Kraft gegen psychische Krankheiten. Ab dem 17. Januar sind ihre Werke in der Kreisbibliothek zu sehen.

Salzwedel. „Mit einem Schlumpfmalbuch fing alles an“, sagt Künstlerin und Grafik-Designerin Karen Hinz aus Wustrow.

Doch die drolligen, blauen Wichte wichen nach etlichen Schicksalsschlägen düsteren Farben und ernsten Gestalten. Am Freitag, 17. Januar, eröffnet die 26-Jährige um 18. 30 Uhr ihre Exposition „The art is to destroy it“ in der Kreisbibliothek Salzwedel. Ausgewählte „psychologische Werke“ thematisieren harte Themen wie Angst, Depressionen, Sucht und Borderline.

Der Umgang mit Pinsel und Leinwand ist für sie eine Art Selbsttherapie. Mit den Folgen eines tragischen Unfalls im Jahr 1997 kämpft die gelernte Grafik-Designerin noch heute: Ein Auto erfasste die damals Neunjährige. Sie lag wochenlang im Koma, verbrachte viel Zeit in der Reha und verlor ihre Stimme (wir berichteten).

„Ich wurde wegen meiner Stimme psychisch fertiggemacht“, berichtete Hinz. Seit 2009 versucht sie sich mit Erlebnissen und Hänseleien aufgrund ihres sprachlichen Handicaps künstlerisch auseinanderzusetzen.

Angefangen hat sie damals mit einem Kunststudium in Dänemark an der Kunstskole BGK. Damals begann sie, ihren Unfall und den Tod einer guten Freundin auf Leinwand zu verarbeiten. „Es gab damals vieles, was mich bedrückt hat“, flüsterte die Künstlerin. Die damaligen Gemälde spiegeln den inneren Verarbeitungsprozess in bunten Farben sowie harten Formen hinter verwobenen Netzstrukturen wider. Die aktuellen Bildinhalte thematisieren die psychischen Folgen.

Bis heute nehmen viele Leute die junge Frau aufgrund ihrer Flüsterstimme nicht ernst, regt sich die Künstlerin auf. Sie war depressiv und ängstlich, versuchte sich mit Alkohol zu betäuben. Es folgten Suizidgedanken, psychiatrische Behandlungen, Seminare und Kurse zu Angst- und Stressbewältigung. Mittels Büchern und Internet beschäftigt sich die 26-Jährige nun auch mit anderen psychologischen Problemen. „Das fesselt mich.“ Nicht alles, was ich male, habe ich selbst durchlebt“, versichert Hinz.

Für die kommende Ausstellung hat Karen Hinz bereits 19 Gemälde fertig. „Und es sollen noch mehr werden.“ Mit ihren Bildern will sie Betroffene inspirieren und über die unterschiedlichen Krankheiten aufklären. Die Skizzen fertigt sie nach eigenen Visionen und Stimmungen am Computer. Selbstporträts malt sie nicht. Die psychischen Abgründe versteckt sie hinter prominenten Gesichtern, wie Christiane F. oder Court Cobain, auf Keilrahmen mit unverdünnter Acrylfarbe. Im Malprozess, der sich über zwei Tage hinziehen kann, durchlebt sie Gefühlswelten zwischen tiefer Traurigkeit und quälender Angst. „Mit Alkohol habe ich mich beim Thema Sucht in die richtige Stimmung versetzt“, verrät sie.

Ganz langsam formen sich in ihrem Kopf Ideen für eine „bunte“ und „fröhliche“ Werkreihe: Die Zeit nach der psychischen Erkrankung. Ein Zeichen von Heilung? „Ich befinde mich langsam auf dem Weg der Besserung und arbeite aktiv daran, mir ein neues Leben aufzubauen“, erklärt Hinz.

Mit ausdrucksstarken und schockierenden Motiven verschafft sich die leise Künstlerin bis zum 4. März auf ihre Art Gehör in der Kreisbibliothek.

Von Eva Hahner

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