Auschwitz-Überlebende rührt mit ihrer Geschichte Lessing-Schüler in Salzwedel

Kälte, Hunger und der Tod als tägliche Normalität

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Die 92-jährige Anastasia Gulei (Mitte) erzählt ihre bewegende Geschichte als Auschwitz-Überlebende. Dolmetscherin Liubow Danylenko (r.) übersetzt, Cornelia Habisch eröffnet die Veranstaltung.

Salzwedel. „Ich wurde gefragt, warum ich nicht wahnsinnig geworden bin. Der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an den täglichen Umgang mit dem Tod“, schildert Anastasia Gulei die schrecklichste Zeit ihres Lebens.

Sie sieht das Grauen der Naziherrschaft Tag für Tag, Leichen werden im Konzentrationslager Bergen-Belsen während ihrer Zeit dort als Gefangene nicht beerdigt, sondern neben Baracken gestapelt. Die Haufen sind so hoch wie die Gebäude selbst. Immer wieder wischt sich die Ukrainerin in der Ganztags-und Gemeinschaftsschule Lessing die Tränen aus dem Gesicht. Das Erlebte zu schildern, fällt der 92-Jährigen zeitweise schwer. Doch der Wille, ihre Erfahrungen der Jugend zu erzählen, ist stärker als die innere Trauer: „Ich habe überlebt, um zu berichten. “.

Flucht ohne Erfolg

Biografie 

Anastasia Gulei, Jahrgang 1925, wächst in einem kleinen Dorf in der Zentralukraine auf, als 1943 die deutschen Besatzer einfallen. Sie wird gezwungen, Zwangsarbeit zu verrichten und dafür nach Oberschlesien gebracht. Ihr Fluchtversuch scheitert, Anastasia Gulei wird in einem Viehwaggon nach Auschwitz transportiert. Sie schleppte dort zum Beispiel Steine und hob Gräben aus. Als die Alliierten näher rücken, wird Anastasia Gulei verlegt und schließlich 1945 von britischen Soldaten in Bergen-Belsen befreit. Sie heiratet nach dem Krieg, lässt sich in Moldawien nieder, kehrt aber nach vielen Jahren zurück in die Ukraine.

Anastasia Gulei blickt während ihrer Schilderungen in der Aula der Salzwedeler Bildungsstätte in gespannte Augen, man hätte eine Stecknadel fallen gehört. Sie ist ungefähr in dem Alter der Schüler, als sich ihr Leben grundsätzlich ändert. Sie muss ab 1943 für die deutschen Besatzer Zwangsarbeit in Oberschlesien verrichten. Für das Mädchen damals ist es unerträglich, Muntion anzufertigen. Weiß sie doch, dass ihre Brüder auf der anderen Seite für die Freiheit kämpfen. „Ich habe immer nur gedacht, wie kann ich fliehen“, erzählt die Senioren und hebt dabei die Hände. Auf einem Bahnhof gelingt es ihr schließlich, als die Bewacher durch starken Regen abgelenkt sind. Tagelang wandern sie und vier andere Mädchen in Richtung Heimat. Doch 50 Kilometer vor der ukrainischen Grenze wird Anastasia Gulei gefasst. „Man hat uns ohne Ermittlungen und Gerichtsurteil ins Gefängnis gesteckt“, erzählt die 92-Jährige mit fester Stimme. Doch es kommt noch schlimmer. Von dort geht es in das Konzentrationslager Auschwitz. Bei der Ankunft am 8. September 1943 ist es für die Ukrainerin völlig unklar, was sie erwartet. Auf eine Frage an einen Bewacher bekommt sie die lapidare Antwort: „Das wirst du schon sehen.“

Die Schüler lauschen gespannt den schrecklichen Erinnerungen. Die Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt sorgt für großes Interesse, im Anschluss gibt es etliche Fragen. 

Gefechtslärm mit Hoffnung

Was sie in den nächsten Jahren zu sehen bekommt, zerstört Träume und den Glauben an die Menschenrechte. Die Baracke, in der das Mädchen schläft, steht an der Hauptstraße. Und so kann sie die unzähligen Juden sehen, die in den Tod getrieben werden. Anastasia Gulei muss im landwirtschaftlichen Bereich arbeiten und trägt Dünger aus. Dabei entdeckt sie auch Knochenreste. Schließlich kommt heraus: Der „Dünger“ ist Asche aus den Krematorien von Auschwitz.

Als Gefechtslärm zu hören ist, keimt Hoffnung auf. Doch die Ukrainerin wird mit anderen Gefangenen in Richtung Westen verlegt. Das Konzentrationslager Buchenwald nimmt sie nicht auf, die Reise in Viehwaggons endet im Lager Bergen-Belsen. Dort wird die heute 92-Jährige erst einmal mit anderen für drei Tage in eine zugenagelte Baracke eingepfercht. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, die Januarkälte kriecht in alle Ritzen. Zu essen gibt es rohe Rüben, die hineingeschmissen werden. Nach drei Tagen wundern sich die deutschen Bewacher, dass noch niemand gestorben ist. Am 15. April 1945 rollt dann der erste britische Panzer auf das Gelände, doch Befreiungsfreude will nicht aufkommen. Angst und Trauer sitzen zu tief, wie Anastasia Gulei eingesteht.

Frieden und Freiheit

„Wann konnten Sie wieder Freude empfinden?“, will Schulleiterin Heike Herrmann wissen. Beim Erhalt ihres Studentenausweises nach dem Krieg, erzählt die Ukrainerin: „Ich war frei, konnte rechts oder links gehen.“ Die Seniorin beantwortet den Schülern geduldig alle Fragen und wird dabei von Dolmetscherin Liubov Danylenko unterstützt. Die Hände der 92-Jährigen werden zu Fäusten, als es um die heutige Situation in der Ukraine geht. Sie setzt sich auch im hohen Alter für Frieden sowie Freiheit ein und gibt den Schülern mit auf den Weg: „Ihr seid bald erwachsen. Wählt keine Parteien, die Hass und Gewalt predigen.“

Die Veranstaltung wird von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt organisiert. Geschäftsführerin Cornelia Habisch gesteht ein, dass nicht alle Schulen sofort begeistert sind. So bekommt sie teilweise die Antwort, „die Veranstaltung passe gerade nicht, vielleicht ein anderes mal“. „Ein anderes Mal wird es vielleicht nicht geben“, zeigt sich Cornelia Habisch mit Blick auf das hohe Alter der letzten Zeitzeugen enttäuscht und freut sich umso mehr, in der Salzwedeler Lessing-Schule mit offenen Armen empfangen worden zu sein. „Für uns war so sofort klar, wir nutzen diese Chance, eine Zeitzeugin zu befragen. Der Unterrichtsplan wurde umgestrickt, um vielen Schülern die Möglichkeit zu geben dabei zu sein“, unterstreicht Schulleiterin Heike Herrmann.

Von Christian Ziems

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