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Jeden Tag Ölwechsel für 40 Euro, ein Roggenbrötchen für 1,20 Euro und im Mehl die Würmer

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Von: Christian Reuter, Holger Benecke

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leeres regal
Schon jetzt wird rationiert: Unternehmen stöhnen, Bürger bezahlen. © Meineke, Ulrike

Die Corona-Krise ist noch nicht überwunden – auch deren Preissteigerungen nicht. Da schlägt die Ukraine-Krise mit voller Wucht zu. Noch liefert der Russe Öl und Gas, die Bundesregierung hat Erleichterungen auf dem Energiesektor beschlossen, doch die Preianzeige an den Tankstellen ist seit Wochen unbeirrt auf der Höhe.

Salzwedel – In den Märkten sind Öl und Mehl ausverkauft oder werden nur noch in Kleinstmengen abgegeben. Den Unternehmen und Organisationen fliegen die Kosten um die Ohren. Sie haben nur eine Chance: Diese an die Verbraucher weiterzugeben.

Die Landwirte ächzen. „Es sind nicht nur die steigenden Kosten, sondern auch die Verfügbarkeit von Futtermitteln. Es fehlt zum Beispiel an Eiweißfutter“, sagt Christian Schmidt, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Siedenlangenbeck. Oder der Mais, der komme aus der Ukraine, liege aber derzeit im Hafen von Odessa fest, berichtet der Landwirt und weiß auch von der Verteuerung von Getreide und Düngemitteln.

Allein schon durch die deutlich gestiegenen Transportkosten – Stichwort Spritpreis. „Der Knackpunkt liegt beim Handel und beim Vertrieb – dort werden die Preise gemacht“, rechnet Christian Schmidt mit einer deutlichen Verteuerung. Noch gehe es, denn bis zum 2. Halbjahr liefen die festen Verträge.

Bei der Milch seien die Preise schon um 20 bis 25 Prozent gestiegen. „Aber was nützt das, wenn die Kosten zur Erzeugung gleichzeitig um 30 bis 40 Prozent geklettert sind“, schildert Schmidt. Große Sorgen gibt es auch mit dem Grünland: Geringe Aufwüchse durch die Trockenheit und die Düngemittelbeschränkung machen den Bauern zu schaffen.

Weiter von den Landwirten zu den ersten Abnehmern, zum Beispiel der Salzwedeler Baumkuchen GmbH. „Mehl ist ausreichend vorhanden“, sagt Geschäftsführerin Rosemarie Lehmann, „in diesem Jahr auf jeden Fall.“ Aber auch sie blickt besorgt auf ihre Lieferanten, die Bauern. Durch den eingeschränkten Düngemitteleinsatz rechnet sie mit weniger Getreide auf dem Halm. Über Mehlhamsterei in Supermärkten kann sie nur schmunzeln: „Das kann man nicht zu lange lagern, sonst hast du Mehlwürmer drin“, warnt sie.

Die Rohstoffkosten seien gestiegen. „Vieles ist hausgemacht“, kommentiert Rosemarie Lehmann. Und nennt Beispiele: Die Eierverarbeitung benötige viel Energie, bei der Butter hapere es an den vielerorts reduzierten Viehbeständen. „Bei der Verpackung wird es extrem – 300 Prozent nach oben“, weiß Rosemarie Lehmann. Und steuert bereits gegen: „Wir machen demnächst einen Nachhaltigkeitstag.“

Dazu hat die Baumkuchen GmbH einen Beutel entwickeln lassen. Dieser soll an dem Tag an jeden Besucher kostenlos verteilt werden. „Wir hoffen, dass die Kunden diesen dann zu jedem Einkauf wieder benutzen“, nennt Lehmann den Hintergrund.

Ernährung umstellen

Energie, davon verbraucht die große Bäckerei an der Salzwedeler Schillerstraße nicht gerade wenig, Eier, Milch, Butter und und und – alle Kosten werden mehr. Dazu komme die jährliche Lohnsteigerung. Um das zu bewältigen, würden ständig die Artikel neu kalkuliert, um dann zu entscheiden, was verbessert werden kann oder was aus dem Programm genommen werden muss. Das war bislang nur ein Produkt.

„Keiner wird für ein Roggenbrötchen 1,20 Euro bezahlen“, begründet Rosemarie Lehmann. „Ich denke, wir werden unsere Ernährung in vielen Punkten umstellen müssen. Es muss keine 25, 30 Brötchensorten geben“, nennt sie ein Beispiel. Und schätzt ein: „Die Lage ist ernst. Frieren werden wir vielleicht nicht.“

„Ich kann die Pommes doch nicht im Wasser braten“, sagt Nils Krümmel. In Sachen Fritten ist er als Freibad-Gastronom in der bevorstehenden Saison auf diesem Gebiet ein großer Ölverbraucher. Der 20-Liter-Kanister sei jetzt schon von 18 auf 29 Euro gestiegen. Wenn es heiß ist, ist ein täglicher Ölwechsel angesagt.

„Das sind 30 Liter pro Tag“, rechnet Krümmel vor. „Es gibt schon kein Öl mehr zu kaufen oder es ist sehr, sehr teuer“, muss Krümmel sich Alternativen überlegen. Doch welche gibt es bei Pommes frites? Im vergangenen Jahr hatte Nils Krümmel die Preise nicht erhöht. Da gabs auch den Ukraine-Krieg noch nicht.

Auch beim Bier gehts munter aufwärts. Noch nicht bei den Flaschen, aber bei den Fässern. Schon jetzt seien fünf bis sechs Euro je nach Hersteller pro 50-Liter-Einheit draufgeschlagen worden. „Nur Cola, Cola wird nicht teurer“, kann der Wirt sich aber schlecht vorstellen, dass Colarunden Stammtische ablösen werden. Zumal es mit den Bierlieferungen noch keine Probleme gebe. Krümmel: „Beim Bier wird es keine Probleme geben.“

Lokalbesuch gestrichen

Nur bei dessen Preis. Der Gastronom schätzt ein: „Ich muss nach Alternativen suchen, werde aber um eine Preiserhöhung nicht herum kommen, sonst mache ich mich selbst kaputt.“ Höhere Energiepreise, gestiegene Personalkosten – da brauche sich niemand wundern, wenn das Bier drei Euro kosten wird: „Mit 2,50 Euro komme ich nicht mehr hin.“ Er sieht auf die coronagebeutelte Gastronomie nun noch härtere Zeiten zukommen: „Alles wird teurer. Da wird bei vielen Menschen der Lokalbesuch gestrichen.“

In einer ganz prekären Lage befinden sich dabei jene Organisationen, die Hilfe in höchster Not leisten. Ambulanter Pflegedienst, Essen auf Rädern, Krankentransporte, Rettungsdienst – da kommen beim DRK Kilometer zusammen und Spritrechnungen. Diese landen auf dem Tisch von Sven Knoche, Vorstandsvorsitzender des Kreisverbandes Salzwedel, der andererseits in seine Kasse schaut, die nicht voller geworden ist, als vor dem Energiepreisanstieg.

Da kommen Ratschläge wie „effektives Fahren“ nicht an. Das machen alle sowieso. Nur der Rettungswagen mit dem schwer kranken oder schwer verletzten Patienten an Bord kann nun mal eben nicht 80 km/h fahren, weil es effektiver für den Spritverbrauch ist. Und alle anderen DRK-Fahrdienste schauen schon seit Jahren auf effektive Fahrten.

Geschäftsführer Knoche sitzt in der Zwickmühle. Er kann nicht mal eben die Preise erhöhen. Denn: Die Verträge sind gemacht. Verhandelt ist verhandelt. „Die Kassen kommen uns schon entgegen. Aber wenn der Sprit über fünf Euro je Liter steigt, kann Sven Knoche sein DRK zuschließen. Denn allein der ambulante Pflegedienst hat 14 Fahrzeuge. Jedes hat an jedem Abend etwa 150 Kilometer auf der Uhr.

Wer soll das bezahlen?

Zwar will der Geschäftsführer versuchen, in Sachen höherer Kosten nachzuverhandeln, aber es gebe wenig Möglichkeiten, die Preise zu erhöhen. „Am Ende müssen es die Verbraucher schlucken“, macht Sven Knoche deutlich, wer am Ende das bezahlen muss, was er gar nicht bestellt hat.

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