Familie Fütterer wohnt im Turm / Rundumblick durch 38 Fenster / 60 Treppenstufen bis nach oben

„Ich sehe die Sonne auf- und untergehen“

Britta und Hartmut Fütterer auf ihrer runden Dachterrasse mit atemberaubendem Blick über Salzwedel: Im Sommer gibts dort Sonne ohne Schatten, in klaren Nächten einen freien Blick auf den Sternenhimmel.

Salzwedel. „Das ist jeden Tag eine Herausforderung“, schmunzelt Britta Fütterer. Wenn sie nämlich etwas im Obergeschoss vergessen hat, muss sie die 60 stählernen Treppenstufen wieder hinauf.

Und die haben es in sich, denn der Abstand zwischen den einzelnen Trittflächen ist größer als üblich, schließlich ist die genietete Stahltreppe original. „Ich finde sie wunderschön“, schwärmt Hartmut Fütterer besonders davon, dass seine Frau den Aufstieg mit Kerzen so anheimelnd in Szene setzt.

Der 53-Jährige, seine 45-jährige Frau und deren Sohn Janik (16) wohnen mitsamt dem Hund „Herr Bollmann“ im Turm – in dieser Zusammensetzung seit Januar 2011. Seitdem sei es „wohnlicher geworden“, zollt der Ex-Single dem „Händchen“ seiner Frau Respekt. Vorher sei sein Turm exotisch gewesen – nun ist er „wohnlich-exotisch“. Sicher – der ehemalige Wasserturm der Bahn ist rund, verjüngt sich nach oben hin. Aber „er sieht von außen runder aus als von innen“, muss Hartmut Fütterer über diesen Satz selbst lachen. Denn runde Schränke oder Regale sucht man im Turm-Haus vergeblich. Die Schränke sind schmal – so fallen sie an den runden Wänden gar nicht auf. „Diese Couch“, deutet Ehefrau Britta auf ein halbrundes Sofa in der Wohnküche, „habe ich aus einer Haushaltsauflösung.“

Die Wohnküche birgt einige Raffinessen, sprich Herausforderungen. Viel Abstellfläche gibt es nicht, Herd und Spüle sind in ein Ensemble in der Mitte des Raumes eingebettet. „Man muss schon mehr Wege als normal machen“, erklärt die 45-Jährige.

Ein wenig gestutzt habe sie schon, als ihr Hartmut beim ersten Kennenlernen auf dem Salzwedeler Weihnachtsmarkt zu ihr sagte: „Ich wohne im Turm.“ „Oh cool“, habe sie gedacht – und noch am gleichen Abend „haben wir Turmgucken gemacht“. Das Paar hat sogar mal eine ganze Nacht ganz oben auf der Dachterrasse unterm Sternenhimmel verbracht. Dort kann man sich sonnen ohne Schatten – oder aber die eingebaute Sauna nutzen.

Wie Hartmut Fütterer darauf gekommen ist, den Turm zu pachten? „Ich war in der Nähe von Berlin bei Bekannten, die im Turm wohnen. Das hat mir imponiert“, erzählt der 53-Jährige rückblickend. Eine Zeit später sei er mal in Salzwedel zum Baumarkt gefahren und sah im Augenwinkel den Wasserturm. „Den habe ich vorher irgendwie gar nicht wahrgenommen.“ In Pfadfinderlaune spähte er durch die Fenster – „und dann ging alles ziemlich flott“. Eigentlich habe er aus seinem Heimatort Apenburg gar nicht weg gewollt, aber der Turm reizte ihn dann doch.

Der Wohnturm ist ein ständiges Bau- und Gestaltungsobjekt. Immer wieder dekoriert Britta Fütterer etwas neu, um bestimmte Details zu betonen. Was sie an ihrem „Haus“ besonders schätzt, ist der Rundumblick durch die insgesamt 38 Fenster: „Ich sehe die Sonne aufgehen, wandern und untergehen.“ Die größte Herausforderung ist das Heizen, denn der Turm ist von unten bis oben offen, von allen Seiten bewittert – und im Winter einfach nur kalt. „Wir heizen mit Erdwärme, aber wenn es richtig knackig ist, haben wir ein Problem“, verweist Ehemann Hartmut auf den „Bollerofen“ im Erdgeschoss. Er wird mit Holz befeuert – und ruckzuck zieht wohlige Wärme in alle Etagen. Der Schornstein war damals, im Jahr 1900, durch den Wasserkessel gebaut worden. Nach seiner fachgerechten Instandsetzung ist er nun nutzbar.

Mit einigen Eigenheiten, die das Wohnen im Turm so mit sich bringen, muss Ehefrau Britta leben – zum Beispiel mit den „offenen Kleiderschränken“. Ein Problem hat sie damit aber nicht – überhaupt nicht. Sie freut sich nach der Arbeit auf ihr Zuhause – und Ehemann Hartmut geht es genauso.

Von Ulrike Meineke

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