Stasi-Opfer Wolfgang Welsch erzählt im Jahn-Gymnasium aus seinem Leben

„Ich war nicht der Einzige, der missmutig war“

+
Schüler und Lehrer saßen neugierig in der Aula des Jahn-Gymnasiums Salzwedel, und hörten ihrem Gast aufmerksam zu.

Salzwedel. „Feind ist, wer anders denkt und handelt“. Mit diesem Satz fasste Wolfgang Welsch das Denken der einstigen Staatssicherheit (Stasi) zusammen. Der 74-jährige Sinsheimer besuchte gestern das Jahn-Gymnasium in Salzwedel.

Wolfgang Welsch wurde wegen seiner politischen Haltung in der DDR verhaftet. Er berichtete ausführlich über seine Erlebnisse.

In der Aula hielt er einen Vortrag über seine Zeit als politischer Häftling, Fluchthelfer und Staatsfeind. Für die Zehntklässler war die Veranstaltung in der Aula Pflicht, es kamen aber auch einige Interessierte dazu.

Zur Einführung sprach Schulleiter Ralf Hoppstock über die Merkmale des Stasi-Apparats, deren Verfahrensweise und die Bedeutung dieser Behörde. Dann begann Welsch mit seiner Geschichte. In seinen Erinnerungen ließ er dabei immer wieder geschichtliche Begebenheiten einfließen, um die politischen Umstände jeweils verständlich zu machen. So zeigte er den Schülern einen Bericht vom DDR-Volksaufstand am 17. Juni 1953. „Ich war nicht der Einzige, der missmutig war. Die Menschen wollten anders leben“, zeigte Welsch auf.

„Mein widerstrebendes Verhalten habe ich schon in meiner Schulzeit entwickelt“, erklärte Welsch, der in Ost-Berlin zur Schule ging. Er sei schon in jungen Jahren bücherbegeistert gewesen und habe viel gelesen.

Eine Nadel im Kopf war ein staatsfeindlicher Akt

An sein Schlüsselerlebnis, warum ihm das System der DDR so zuwider war, erinnerte er sich, als sei es gestern gewesen. Er schilderte: „Wir hatten einmal ein Foto von Lenin in der Klasse. Ich habe eine kleine Nadel genommen und sie beim Rausgehen in der Pause in Lenins Kopf gesteckt. Bereits nach der Pause stand der Rektor bei uns im Klassenzimmer, total verärgert. Er fragte mehrmals mit kräftiger Stimme: ,Wer war das? Sofort melden!’ Die Finger blieben unten. Ich gab mich natürlich nicht zu erkennen. Das wird Folgen haben, sagte er, als er den Raum wieder verlies.“

Die Schüler hörten den Ausführungen von Welsch aufmerksam zu. Interessiert lauschten sie, wie die Geschichte weiterging. Welsch erzählte: „Am nächsten Tag kamen zwei Herren zu uns in die Schule. Als ich ihre Blicke, Gesichtszüge und die Art zu sprechen, wahrnahm, wusste ich, was Stasi bedeutet. Es folgten Einzelverhöre. Die ganze Nummer mit der Pin-Nadel wurde als staatsfeindlicher und widerständischer Akt bewertet. Unfassbar.“

Gefangen, missbraucht, gefoltert und freigekauft

Trotz dieses für Welsch einschneidenden Erlebnisses ging Welsch zunächst seinen Weg, machte Abitur und seinen Abschluss an der Schauspielschule. Doch durch seine systemkritische Haltung wurde er 1964 wegen Republikflucht, staatsgefährdender Hetze und Hochverrat zu knapp zehn Jahren Haft verurteilt. Davon verbüßte er fast sieben Jahre in DDR-Gefängnissen, hauptsächlich in Bautzen. „Drei Mörder sind mir lieber als einer von ihrer Sorte“, habe man ihm gesagt. „Man war somit als Staatsfeind ganz unten angesiedelt, so Welsch, der misshandelt und gefoltert wurde, bis er 1971 als politischer Häftling von der BRD freigekauft wurde.

Wegen der Erlebnisse konnte Welsch seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er begann ein Studium in Gießen und promovierte. Zudem organisierte er Fluchthilfe für DDR-Bürger und schleuste nach eigenen Angaben 220 Menschen über Ostblock-Drittländer und West-Berlin in die Bundesrepublik. Die Stasi erklärte ihn schließlich zum Staatsfeind und unternahm sogar mit Frau und Freunden von Welsch Attentatsversuche, die alle scheiterten.

Sein Leben schrieb er autobiografisch nieder, zudem wurde es unter dem Titel „Der Stich des Skorpion“ verfilmt.

Von Stefan Wasinski

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare