Jennever Seitz: „Ich habe meine Kinder entlassen“

Salzwedel: Gastronomen stehen unter hohem psychischen Druck

Auf Jennever Seitz, Inhaberin des „Kuhfelder Hofes“, lastet ein hoher psychischer Druck: „Wir halten uns im Moment gerade so über Wasser.“
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Auf Jennever Seitz, Inhaberin des „Kuhfelder Hofes“, lastet ein hoher psychischer Druck: „Wir halten uns im Moment gerade so über Wasser.“
  • Holger Benecke
    vonHolger Benecke
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„Ich habe meine Kinder entlassen“, sagt Jennever Seitz, die Inhaberin vom „Kuhfelder Hof“, die – wie ihre Berufskollegen auch – unter den Auflagen der sich ständig ändernden Corona-Auflagen stöhnt.

Salzwedel / Kuhfelde –Von ehemals acht Mitarbeitern sind nur noch vier im Job – neben der Chefin zwei Auszubildende und eine Putzfrau. Tochter Anna-Lena, Sohn Andy und Mann Jürgen bekamen die Kündigung.

„Anders können wir uns nicht über Wasser halten“, erklärt Jennever Seitz und blickt dabei auch auf die großen psychischen Belastungen, mit denen die Gastronomen zu kämpfen haben.

Bislang kein einziger Corona-Fall

„Es ist kein Ende in Sicht“, schildert sie. Und denkt immer noch mit Grausen an den ersten Lockdown. Nach dessen Ende hatte sie eine zusätzliche Servicekraft eingestellt, weil es wieder bergauf ging. „Die konnte ich dann gleich wieder entlassen, als der zweite Lockdown kam“, erinnert sich Jennever Seitz. Die Umsätze seien um 80 Prozent eingebrochen, Essen außer Haus funktioniere nicht. „Wir haben es versucht, das läuft aber auf dem Land nicht“, weiß die Wirtin, die auch selbst kocht.

Und das kann sie auch weiter tun – für die Hotelgäste: Handwerker, die durch den milden Winter zum Glück jetzt schon arbeiten. Doch selbst das Bekochen der Monteure läuft zögerlich: „Viele haben Angst, sich in die Gaststätte zu setzen, sie essen Stullen auf den Zimmern.“ Dabei läuft im „Kuhfelder Hof“ alles streng nach dem Hygienekonzept. „Wir hatten in der ganzen Zeit keinen einzigen Corona-Fall“, ist Jennever Seitz stolz.

Doch die Umsatzeinbußen liegen bei 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Erst brach das Ostergeschäft ein – damit ging es los. Von 33 gebuchten Feiern im vergangenen Jahr konnten lediglich zwei stattfinden“, kommen bei der Hotelchefin bittere Erinnerungen hoch. Auch die Bücher für dieses Jahr sind leer. Niemand traut sich, eine Feier anzumelden, weil ein Corona-Ende nicht abzusehen ist. „Die ganze Situation macht einen wahnsinnig“, ist Jennever Seitz verzweifelt.

Von 33 Feiern konnten nur zwei stattfinden

Stichwort Beihilfen: Mit deren Prüfung sei erst am 11. Januar begonnen worden. Am Freitag kam dann Post: „Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass der Bewilligungsbescheid genehmigt worden ist.“ Dieser, geschweige denn Geld sind noch nicht im Hotel angekommen. „Die November-Hilfe fehlt komplett, für Dezember wurden 50 Prozent Abschlag gezahlt und für den Januar können wir erst im Februar einen Antrag stellen“, erläutert Jennever Seitz.

In Sachen November-Beihilfe habe es von der Investitionsbank Nachfragen beim Finanzamt in Salzwedel gegeben. „Das Finanzamt hat sich dafür starkgemacht und innerhalb eines Tages alle offenen Fragen geklärt. Es kam sogar ein Mitarbeiter zu uns raus, sodass alles schnell bearbeitet werden konnte“, lobt Jennever Seitz. Allerdings müssen auch die Beihilfen versteuert werden.

„Unsere Rücklagen sind längst aufgebraucht. Wir haben Glück, dass wir Montagearbeiter beherbergen dürfen“, schildert Jennever Seitz die Situation ihrer Familie. Auch Steuern und Kassenbeiträge sind gestundet, müssen aber irgendwann bezahlt werden. „Wir hoffen, dass wir einen guten Sommer bekommen und Corona dann vorbei ist, damit wir die Stundungen zurückbezahlen können“, blickt Seitz hoffnungsvoll voraus. „Aber im Moment halten wir uns gerade so über Wasser.“

Apropos Wasser: Einen Lichtblick in dieser schweren Zeit bescherte der VKWA der Hotel-Inhaberin. Weil die Gastronomie im „Kuhfelder Hof“ im vergangenen Jahr durch Corona fast nur dicht war, gibts nun Wassergeld zurück. Nur ein kleiner Tropfen auf den brandheißen Corona-Stein.

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