Es stand 70:30 – gegen die Kampfmittelbeseitiger

Hohe Chancen für die Bombe: Die Helden der Hansestadt

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So sah die Gegend um den Salzwedeler Hauptbahnhof nach dem 22. Februar 1945 aus. 

Salzwedel – Die Chancen hätten 70 zu 30 Prozent gegen sie gestanden, berichteten die Kampfmittelbeseitiger nach der Bombenentschärfung im Salzwedeler Gewerbegebiet Nord am Freitag.

Zur Erinnerung: Am 1. Juni 2010 detonierte in Göttingen eine Fliegerbombe bei den Vorbereitungen zum Entschärfen. Dabei starben drei Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes. Weitere sechs Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer.

Blick in den Bombenschacht einer „Fliegenden Festung“: Deutlich ist unten links das Flügelrad zu erkennen, das nach dem Abwurf durch den Fallwind bedingt den Zünder der Bombe scharf dreht.

In Salzwedel ging Dank der Könner vom Kampfmittelbeseitigungsdienst alles gut. Auch das Damoklesschwert einer kontrollierte Sprengung – wenn die Bombe nicht hätte entschärft und vor Ort gesprengt werden müssen – ging an der alten Hansestadt vorbei. Am 28. August 2012 gerieten mehrere Häuser im Münchner Stadtteil Schwabing in Brand, als ein Blindgänger durch den Kampfmittelräumdienst gesprengt wurde. Was die Druckwelle allein für den Salzwedeler Gartenbaubetrieb bedeutet hätte ... Die einzigen Gebäude, die in der Stadt am Freitag komplett zu Bruch gingen, waren zwei alte Grenztruppengaragen, die die Stendaler Firma Off und Hampe beim THW abriss.

Dank Andy Jablonsky, Thomas Gabriel und Maik Bothe von der Kampfmittelräumdienst Stascheit GmbH aus Gardelegen sowie André Römmer und Einsatzleiter Torsten Kresse vom Kampfmittelbeseitigungsdienst konnten die evakuierten Salzwedeler ab 15.30 Uhr wieder in ihre unversehrten Wohnungen heimkehren. Sie waren die Helden des Tages und hatten ihr Leben eingesetzt, um das der Salzwedeler zu schützen.

Daher stammt der Blindgänger

Der Blindgänger selbst – eine amerikanische Fünf-Zentner-Bombe – stammt vermutlich vom Bombenangriff auf den Salzwedeler Hauptbahnhof am 22. Februar 1945. Dabei klinkten 59 viermotorige Boeing B-17-Bomber „Flying Fortress“ (Fliegende Festung) der 457. Bombardement Group 197,5 Tonnen Bomben aus und töteten 300 Menschen. Dieser Flugzeugtyp konnte bis zu 16 der am Freitag entschärften Bombe an Bord nehmen.

Der Angriff am 22. Februar 1945 war die 841. Mission der 8. USAAF, die das nordwestdeutsche Verkehrsnetz lahmlegen sollte. Der Deckname: Operation „Clarion“ (Kriegstrompete). Unter dem Schutz von 862 Begleitjägern griffen 1428 Bomber, von denen 1372 zum Wurf kamen, das Deutsche Reich an. Sie klinkten 3895,1 Tonnen auf 33 Verkehrsziele aus. Dazu gehörten ab 11.44 Uhr Klötze (13 B-17 mit 38,5 Tonnen, über 50 Tote), Köbbelitz (Kusey) gegen 12 Uhr (24 B-17 mit 70,5 Tonnen, 38 Tote, darunter 18 Kinder) und Stendal ab 12.30 Uhr (73 B-17 mit 214,2 Tonnen, 295 Tote, 16 Verwundete, 43 Häuser zerstört und 102 beschädigt). Die blutige Bilanz für die Altmark: 520,7 Tonnen Bomben töteten fast 700 Menschen.

Weitere Opfer, 75 Jahre nach Kriegsende, in der Hansestadt verhinderten die Kampfmittelbeseitiger.

VON HOLGER BENECKE

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