Als Zwölfjähriger im Luftschutzkeller des Kleinbahnhofs die Bomben überlebt

Helmut Walter entkommt dem Inferno

Der 86-jährige Helmut Walter, der dem Bomben-Inferno vor 74 Jahren entkommen ist, mit seinem Sohn Hartmut während der gestrigen Gedenkveranstaltung.
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Der 86-jährige Helmut Walter, der dem Bomben-Inferno vor 74 Jahren entkommen ist, mit seinem Sohn Hartmut während der gestrigen Gedenkveranstaltung.
  • Holger Benecke
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Salzwedel – Wie in jedem Jahr kommen zum Gedenken an die 300 Opfer des Bombenangriffs am 22. Februar 1945 auf den Salzwedeler Hauptbahnhof auch immer Überlebende des Infernos. So auch der 86-jährige Helmut Walter, der heute in Mahlsdorf wohnt.

Er ist einer von ihnen und war damals Fahrschüler, kam gerade vom Unterricht im Jahn-Gymnasium und wollte mit dem Zug nach Hause nach Sallenthin.

Walters Glück: Sein Zug fuhr vom Kleinbahnhof ab. Der lag gegenüber vom Bombenziel Hauptbahnhof – dort, wo sich heute das Avacon-Areal erstreckt. „Als die Sirenen Voralarm ankündigten, ging ich in den Luftschutzkeller, setzte mich auf eine Bank und holte mein Englisch-Buch heraus“, schildert Walter, der damals zwölf Jahre alt war. Denn im sechsten Kriegsjahr waren diese Alarme schon zum Alltag geworden.

Salzwedel war am 17. Dezember 1942 und am 18. April 1944 bombardiert worden. Es gab vergleichsweise geringe Schäden. Ansonsten blieb die alte Hansestadt verschont, und das Sirenengeheul, wenn täglich alliierte Kampfverbände über Deutschland einflogen, war zur Routine geworden. Aus diesem Grund nahm Helmut Walter auch an, dass der nächste Sirenenruf Entwarnung ankündigt. Doch es war Vollalarm. Und das bedeutete, dass Salzwedel das Ziel war.

Gegen 12.10 Uhr begann der Angriff der „Fliegenden Festungen“. Im Kleinbahnhofkeller ging das Licht aus. Die Druckwellen der auf dem Hauptbahnhof detonierenden amerikanischen Fliegerbomben rissen die zugemauerten Kellerfenster im Kleinbahnhof auf. Daraus sah Walter Viermotorige, die aus Richtung Ritzer Brücke anflogen und ihre Bombenlast ausklinkten. Geistesgegenwärtig zog Walter die Kellertür wieder zu. Keine Sekunde zu spät. Der 86-Jährige hört es noch, als sei es heute gewesen: „Irgendwas prasselte von außen auf die Eisentür – Mauerwerks- oder Bombensplitter.“ Beide wären für die zirka 40 Kellerinsassen tödlich gewesen.

Diese drängten nun durch die Fenster hinaus. „Eines wurde durch einen blinden Mann blockiert, der sich darin verkeilt hatte.“ Walter kletterte ins Freie und rannte in Richtung Eierverwertung (Taxi Kuba) und warf sich vor einem Zaun in einen Graben in Deckung. Neben ihm lagen die Schaffnerin aus dem Diesdorfer Zug mit einem blutverschmierten Gesicht und ein Soldat.

Als der Landser aufsprang, folgte Helmut Walter ihm: „Der hat mehr Erfahrung in solchen Situationen“, sagte sich der Junge. Dann erreichte er die Goethestraße in Höhe Durchgang. Ein Luftschutzwart schnauzte ihn an: „Schnell in den Keller! Es fallen schon wieder Bomben!“ Dort unten saßen alte Frauen und beteten. Dann schwankte das Haus, erinnert sich der Überlebende des Infernos.

Nach der Entwarnung lief der Zwölfjährige los. Immer die Bahngleise entlang in Richtung Buchwitz. Dort hatte er einen Onkel, der ihm ein Fahrrad lieh, mit dem er gegen 16.30 Uhr sein Heimatdorf Sallenthin erreichte.

VON HOLGER BENECKE

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